Gian Battista Bolis wurde in einem kleinen Dorf in der Provinz Bergamo in Italien geboren. Er studierte Philosophie in Mailand und Cagliari und arbeitete dann 10 Jahre lang als Sekundarlehrer für Literatur und Geschichte in Italien. Seit 28 Jahren lebt er als Universitätsdozent für  geisteswissenschaftliche und philosophische Fächer in Peru. Im Jahr 1998 gründete er die Katholischen Universität Sedes Sapientiae (UCSS) in Lima mit, die tausenden jungen Menschen ein Universitätsstudium ermöglicht. Die Verbesserung der Ausbildung für benachteiligte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Peru ist ihm ein grosses Anliegen. So setzte er sich auch für die Gründung der Nopoki-Niederlasung der UCSS im peruanischen Amazonasgebiet ein. Viele der heute 700 Studierenden stammen aus sehr abgelegenen und isolierten Dörfern im Urwald, wo die Familien als Selbstversorger leben. An der Universität Nopoki zu studieren ist für diese jungen Menschen eine einzigartige Möglichkeit. Sie können sich zum Beispiel zu zweisprachigen Lehrpersonen ausbilden lassen und damit die Kinder ihrer Dörfer auf Spanisch und in ihrer indigenen Muttersprache unterrichten. Gian Battista Bolis ist 61 Jahre alt. Er liebt Schwimmen und Fussball und macht gern Wanderungen und Spaziergänge in den Bergen und auf dem Land. Er gehört einer katholischen Laienbewegung an, deren Name «Comunión y Liberación» lautet.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Ich wuchs in der Provinz Bergamo auf und lebte in verschiedenen Dörfern, je nachdem, wo mein Vater als Angestellter einer Sparkasse gerade arbeitete. Meine Familie war sehr geeint. Unsere Werte waren stark mit der katholischen Tradition der Provinz Bergamo verbunden und sehr von Papst Johannes XXIII geprägt (meine Heimatstadt liegt nur wenige Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt). Die Familie meiner Mutter stammt aus der Arbeiterklasse und die meines Vaters ist bäuerlicher Herkunft (mein Vater ist das letzte von 16 Kindern). Ich bin so erzogen worden, dass jede Arbeit einen Wert hat und deren Würde nicht von der Art der Tätigkeit oder der Position abhängt, die man innehat.

 

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Ich habe an staatlichen Schulen studiert und die Sekundarstufe in einem klassischen Gymnasium in der Stadt Bergamo abgeschlossen. Ich studierte Philosophie an der Katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand und an der Universität Degli Studi di Cagliari, wo ich 1983 mit einer Arbeit über das Konzept der Toleranz bei Pierre Bayle abschloss. Anschliessend arbeitete ich als Dozent für italienische Literatur und Geschichte an einem staatlichen industriell-technologischen Institut in Sardinien und war Vizepräsident der kulturellen Vereinigung Icaro, die sich der Weiterbildung von Lehrpersonen widmete. Seit 1992 arbeite ich in Peru und habe an verschiedenen Universitäten geisteswissenschaftliche und philosophische Fächer unterrichtet. In den ersten Jahren meines Aufenthalts in Peru arbeitete ich auch bei der italienischen Organisation AVSI in Bildungs- und Entwicklungsprojekten mit. Seit 1998 konzentriere ich mich auf die Arbeit der Katholischen Universität Sedes Sapientiae (UCSS). Ich war an der Gründung dieser Universität beteiligt, die heute 9’000 Studierende zählt und 21 Studiengänge anbietet. Ich arbeite dort als Dozent und habe auch einige institutionelle Aufgaben übernommen.

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Zurzeit unterrichte ich Anthropologie, Theologie und Philosophie an der Universität UCSS. Als Vizerektor bin ich auch für allgemeine akademische Belange zuständig und beschäftige mich insbesondere mit Projekten in Zusammenhang mit dem Zugang zur Bildung für Bevölkerungsgruppen, die aus sozioökonomischer oder ethnischer Sicht gefährdet sind.

In diesem Jahr habe ich ein Projekt zur akademischen Bewertung von Sekundarschülerinnen und -schülern aus den entlegensten Gebieten des peruanischen Urwalds geleitet. Ich habe persönlich die grossen – und ungerechten – Unterschiede gesehen, die es zwischen der Bildung von jungen Menschen der Küste bzw. aus Grossstädten und jungen Menschen von ländlichen Gebieten gibt. Am Ende der Studie haben wir einen Vorschlag ausgearbeitet, der den Jugendlichen helfen soll, ihr Wissen zu erweitern, um an den staatlichen Stipendienwettbewerben für Universitäten teilnehmen zu können.

Was mich ebenfalls immer wieder im Wert und Nutzen meiner Arbeit bestätigt, ist die Nopoki-Universität, die vor 13 Jahren als Projekt der UCSS initiiert wurde. Sie befindet sich inmitten des peruanischen Urwalds in Atalaya. Gegenwärtig studieren dort 700 junge Menschen Buchhaltung, Unternehmensführung, interkulturelle zweisprachige Pädagogik (für Primarschulen) und Agrarwissenschaften mit Fokus auf Forstwirtschaft. Die Studierenden sind junge Menschen, die keine Chance hätten, ihr Dorf zu verlassen, um eine universitäre Ausbildung machen. In vielen dieser Dörfer gibt es weder Trinkwasser noch Elektrizität, die Familien leben von der Landwirtschaft, wobei der Porteinmangel ein grosses Problem darstellt. Die Sterblichkeitsrate ist sehr hoch und viele Kinder sind unterernährt. Gerade die jungen Frauen, die an der Nopoki-Universität studieren, sind meist die ersten ihrer Dörfer, die eine höhere Ausbildung machen, durch die sie später einen Lohn erhalten und damit auch selbst über ihre Zukunft entscheiden können. Viele Studierende erhalten Stipendien, da es für sie nicht möglich ist, Studiengebühren zu bezahlen. Ausserdem gibt es die Möglichkeit, im Internat auf dem Campus zu leben.

Gegenwärtig studieren 700 junge Menschen an der Nopoki-Universität, wobei sich der Unterricht wegen der Corona-Pandemiesehr schwierig gestaltet. Einige Studierende sind in ihre Dörfer zurückgekehrt und haben Probleme, dem Unterricht aus der Ferne zu folgen. Etwa 250 Studierende sind auf dem Campus geblieben und leben dort völlig isoliert. Eines der Hauptprobleme bestand darin, alle notwendigen Arbeiten auf dem Campus zu organisieren, den wegen der Ansteckungsgefahr niemand betreten kann. Es geht um das Kochen für 250 Personen, die Versorgung mit Lebensmitteln, um die Reinigung aller Räumlichkeiten, um die Landwirtschaft – vor allem Zitrusfrüchte und Gemüse – und die Fischzuchten. Das andere Problem besteht darin, das Studium virtuell fortzusetzen, sich an die technologischen Hilfsmittel zu gewöhnen und die Schwierigkeiten der Internetverbindung zu überwinden (bei Regen ist das Internet manchmal zwei oder drei Tage lang nicht verfügbar).

Ich bin sehr dankbar, dass ich bei der Ausbildung dieser jungen Menschen mitarbeiten kann, denn es hilft mir, meinen Horizont nicht nur kulturell, sondern auch menschlich und sozial offen zu halten. Mit einigen dieser jungen Menschen und mit den indigenen Lehrern, die sie in ihrer Ausbildung begleiten, sind Beziehungen des Respekts und der Freundschaft entstanden, die mich ermutigen, Hilfe und Kooperationen zu suchen, damit die Völker des peruanischen Dschungels bessere Lebens- und Entwicklungsbedingungen erhalten. Dazu muss ich sagen, dass wir in diesen Jahren viele Menschen und Institutionen gefunden haben, die sich dieser Arbeit angeschlossen haben und in vielen Fällen ihre Zeit als Freiwillige unentgeltlich zur Verfügung stellen und Nopoki finanziell unterstützen (italienische und polnische Ärzte, spanische, englische und amerikanische Lehrepersonen, spanische Familien, italienische und liechtensteinische Familien und verschiedene Stiftungen und NGOs etc.).

Als ich auf dieses Interview antwortete, wurde mir klar, dass dieser Wunsch, einen Beitrag für Menschen zu leisten, die in ihrer Kindheit und Jugend weniger Chancen hatten als ich, ein wenig wie ein roter Faden in all meinen beruflichen und persönlichen Aktivitäten ist. Die Universität UCSS, bei der ich von Anfang an mitgearbeitet habe, wurde in Nord-Lima zu einer Zeit gegründet, als Tausende von jungen Menschen keinen Zugang zu einem Universitätsstudium hatten. Die soziale Berufung der Universität war wichtig und wurde vom peruanischen Staat auch anerkannt. Ich könnte viele Fälle von Jugendlichen aus armen Verhältnissen anführen, die dank der UCSS eine berufliche Ausbildung absolvieren konnten, so z. B. den Fall von zwei verwaisten Brüdern, die als Schuhputzer auf dem Hauptplatz von Lima arbeiteten. Heute ist einer der Brüder als Rechtsanwalt ein Berater des Parlaments und der andere ist Buchhalter und Gründer eines Unternehmens, das Sicherheitsdienste anbietet… Die meisten Nopoki-Absolventen haben Arbeit gefunden, einige sind bereits Direktoren zweisprachiger Schulen, einige arbeiten als Experten für interkulturelle Erziehung im Bildungsministerium, eine gute Anzahl sind offizielle Übersetzer für Rechtsangelegenheiten der indigenen Bevölkerungsgruppen.

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Meine Tätigkeiten erfüllen mich, weil sie einerseits notwendig für meinen Lebensunterhalt sind und andererseits einen Dienst an die Gesellschaft darstellen. Sie erfüllen mich auch deshalb, weil ich weiterlerne, neue Situationen kennenlerne, offen für die Realität bleibe und mich nicht in meiner kleinen Welt einschliesse. Ich kann mit dem wenigen, das ich kann und weiss, zur Entwicklung anderer Menschen beitragen und darüber hinaus mit sehr wertvollen Menschen zusammenzuarbeiten, die sich für soziale Anliegen und Projekte engagieren. Ein letzter Grund, warum meine Tätigkeiten für mich erfüllend sind, ist, weil sie mich aus meiner Komfortzone herausholen und mich herausfordern, mich als Mensch zu verbessern.

 

Denken Sie, dass Sie selbst darauf einen Einfluss haben, ob Ihre Tätigkeiten erfüllend sind? Falls ja, welche Strategien haben sie, um dies zu gewährleisten?

Ich empfinde meine Tätigkeiten grundsätzlich als zufriedenstellend. Dies leite ich daraus ab, dass ich sie nicht verändern, wohl aber verbessern will. Ich sehe aber auch, dass sie nicht unbedingt zufriedenstellend für alle Menschen sind, mit denen ich arbeite und lebe. Deshalb versuche ich, offen zu sein für Veränderungen, Kritik und Verbesserungen, die andere vorschlagen. Die Strategie, falls man dies denn so nennen kann, ist, sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass man nicht perfekt ist und dass es nichts Wichtigeres gibt, als offen für die Realität zu sein, sich selbst zu beobachten und bereit zu sein für alles, was mir dabei helfen kann, meine Arbeit und mich als Person zu verbessern.

 

Es gibt Momente, in denen alles zu passen scheint. Momente, die einen erfüllen, inspirieren und die einem Kraft und Zuversicht gehen. Momente, die einen darin bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche «magischen Momente» in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Ich gestehe, dass es angesichts der Natur meiner Arbeit, die darin besteht, in Kontakt mit jungen Menschen zu sein, viele dieser Momente gibt und sie bestehen aus sehr einfachen Dingen. Am Ende jeder Unterrichtsstunde, wenn die Studierenden aktiv teilgenommen haben, Verständnis gezeigt haben, sich für das Thema und das Fach begeistert haben und mich mit offensichtlicher Zuneigung und Wertschätzung grüssen, ist man zufrieden, hat das Gefühl, dass man für einen anderen Menschen nützlich war, dass das, was man vermittelt hat, nicht vergebens war. Es gibt auch scheinbar wichtigere Momente, wenn ein Projekt verwirklicht, eine Publikation fertiggestellt, ein Universitätsabschluss erreicht oder man von der Gesellschaft Anerkennung erhält… Aber es ist seltsam, dass es letztlich die grösste Befriedigung ist, wenn ich merke, dass die andere Person glücklich ist, weil ich etwas getan oder einfach nur gesagt habe.

 

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche «magischen» Momente einstellen können?

Ich möchte mich nicht damit begnügen, das zu wiederholen, was ich in der Vergangenheit getan habe und was vorher funktioniert hat. Es lohnt sich nicht, sich in den kleinen Erfolgen der Vergangenheit zu sonnen, auch wenn sie erst kürzlich erzielt wurden. Es geht darum, sich angesichts dessen, was man zu bewältigen hat, erneut ins Spiel zu bringen. Die Gegenwart bringt immer etwas Neues mit sich, ein neues Problem, eine neue Herausforderung.

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Ehrlichgesagt zweifle ich nicht an dem, was ich tue, auch weil es das Einzige ist, was ich mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu tun gelernt habe und wofür ich gewisse Fähigkeiten entwickelt habe. Ich weiss aber, dass man es besser machen kann und es gibt sicherlich viele Personen, die es besser als ich machen könnten. In diesem Sinne frage ich mich oft, ob das, was ich tue, wirklich dem entspricht, was getan werden sollte und wie es getan werden sollte.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Falls dies Momente sind, in denen man sich fragen darf, für wen man etwas tut und warum man es tut, sind es am Ende Momente, welche die Fragen nach dem Sinn des Daseins aufwerfen. Nach meiner Erfahrung sind es wertvolle Momente, die helfen, die Gründe zu erkennen, warum man lebt und handelt.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Ja, es gibt viele Dinge, die ich anders machen würde. Vor allem würde ich versuchen, keine Beziehung zu einer anderen Person zu verlieren. Ich stelle fest, dass ich in bestimmten Fällen mit meiner Einstellung eine Person entfremdet habe. Ich wusste nicht, wie ich sie wertschätzen sollte, ich habe eine Beziehung zerbrochen oder ich wusste nicht, wie ich sie verstehen sollte, und deshalb habe ich die Möglichkeit einer echten Freundschaft verloren. Vor allem haben mein Antrieb und mein Selbstvertrauen zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben dazu geführt, dass ich die Möglichkeit verlor, den Standpunkt und den Beitrag eines anderen zu schätzen. In dieser Phase meines Lebens versuche ich deshalb, meinem Gegenüber mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Ja, unbedingt. Ich möchte in erster Linie etwas zum Unterricht beitragen, indem ich das Gelernte, mein Wissen und meine Erfahrung weitergebe, damit es andere aufnehmen und entscheiden können, ob es ihnen nützt. Zweitens setzte ich mich – mit meiner geringen Entscheidungs- und Weisungsbefugnis – dafür ein, dass Entscheidungen an der Universität UCSS so weit wie möglich immer in Richtung eines Dienstes für das Land und die Gemeinschaft getroffen werden.

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Mir ist die Anerkennung derjenigen Menschen wichtig, die ich mag und schätze – in dem Sinne, dass sie mir hilft zu verstehen, ob das, was ich lebe und tue, auch für andere von Nutzen ist. Wobei ich Anerkennung eher als Vergleichsmöglichkeit denn als äusseren Erfolg verstehe. Das Gleiche gilt für die Öffentlichkeit. Es ist meiner Meinung nach wichtig zu wissen, was die Leute über die eigenen Handlungen denken. Es dient dazu, sich zu hinterfragen und sich selbst in Frage zu stellen. Wenn man unter Anerkennung jedoch der Applaus, das öffentliche Lob versteht, muss ich ehrlich sagen, dass ich mich nie dafür interessiert habe. Ich bin schon als kleines Kind dazu erzogen worden, nicht auf äussere Aspekte zu achten, und ich muss sagen, dass ich mich mit dieser Haltung sehr wohl fühle.

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben?

Mein Gehalt erlaubt es mir, bequem in Peru zu leben. Natürlich lebe ich nicht in Reichtum, aber es ist ein Gehalt, das ich als angemessen für meine Tätigkeit betrachte und ich würde meine Arbeit nicht gegen ein höheres Gehalt in einer anderen Einrichtung tauschen. Ich würde eine Veränderung nur dann in Erwägung ziehen, wenn es eine entsprechende Herausforderung wäre und der Gesellschaft einen grösseren Dienst erweisen würde.

 

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Gegenwärtig setze ich mich in erster Linie für die Verbesserung der akademischen Qualität an der UCSS ein, insbesondere in Hinblick auf den Unterricht und den Einsatz virtueller Werkzeuge (vor allem was die Aktualisierung der Bildungsinhalte der virtuellen Klassenzimmer und die Nutzung aller Computerwerkzeuge betrifft, die den Dozentinnen und Dozenten sowie den Studierenden zur Verfügung stehen).

Zweitens setze ich mich für die Nachhaltigkeit der Nopoki-Universität ein und kümmere mich um die kontinuierliche Verbesserung der Studiengänge für die jungen Menschen aus den indigenen Gemeinschaften des peruanischen Amazonasgebietes. Wir entwickeln zum Beispiel zweisprachige Lehrbücher in sechs verschiedenen indigenen Sprachen. Im peruanischen Amazonasgebiet gibt es 17 Sprachfamilien, die weder miteinander noch mit dem Spanischen verwandt sind. In den indigenen Gemeinschaften werden heute noch 65 verschiedene Sprachen gesprochen. Für junge indigene Menschen ist Spanisch nicht ihre Muttersprache, aber während vielen Jahrzehnten war es die einzige anerkannte Sprache in Peru und heute ist es die einzige Sprache, die eine interkulturelle Kommunikation ermöglicht. Zweisprachige Bildungsmaterialien sind wichtig, um indigenen Kulturen Wertschätzung entgegenzubringen und jungen Menschen klar zu machen, dass das Sprechen einer indigenen Sprache kein Defizit, sondern eine wertvolle Fähigkeit ist.

Derzeit bin ich auch in ein Forschungsprojekt involviert, in dessen Rahmen wir eine Korrektur-Software für vier indigene Sprachen entwickeln. Es ist Teil eines grösseren Projekts zur Entwicklung einer Übersetzungs-Software. Es arbeiten mehre indigene Dozentinnen und Dozenten der Nopoki-Universität mit und ich bin für pädagogische Aspekte zuständig.

 

Gibt es etwas, womit Sie sich in Zukunft gerne (verstärkt) beschäftigen würden?

Ja, in ein drei oder vier Jahren möchte ich die Verwaltungs- und Managementverantwortung an der UCSS abgeben und dem Unterricht und der Aktualisierung der Inhalte meiner Kurse mehr Zeit und Tiefe widmen. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass ich mehr Zeit an den UCSS-Niederlassungen in den Provinzen verbringen könnte, dass ich vielleicht ein ganzes Semester an der Nopoki-Universität oder der Niederlassung in Nueva Cajamarca lehren könnte, die ebenfalls im Urwald liegt. So könnte ich Gelernte mit den dortigen Studierenden und Dozentinnen und Dozenten teilen. Es geht nicht um weniger Engagement oder Arbeit, sondern darum, in Management- und Führungsfragen Raum für andere zu lassen und mehr Zeit für Bildungsarbeit und Forschung zu verwenden.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Ich denke, dass mir alles, was ich hatte und habe, etwas ist, gegeben und geschenkt wurde. Ich wurde in eine Familie hineingeboren, die mich immer geliebt und umsorgt hat. Ich hatte auch die Möglichkeit, zu studieren, zu arbeiten und viele Menschen zu treffen, von denen ich viel gelernt habe und immer noch lerne. Ausserdem habe ich viel Zuneigung und Wertschätzung erhalten, zum Teil sicherlich unverdient.

 

Juli 2020

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Interview: Laura Hilti

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein.