Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

 

Der Grund, warum ich auf Andy Fischli aufmerksam wurde, schien uns beiden mysteriös. Vor ein paar Jahren landete sein Newsletter scheinbar eigenmächtig in meinem Postfach und so verfolgte ich seine Arbeit mit grösstem Vergnügen. Es gab sackartige, gesichtslose Wesen mit mehreren Beinen, die er selbst «Klümpchen» nannte, Autos mit zerbrochenen Fenstern, verlassene Landschaften, «Thunfischli» und Einladungen zu Vernissagen und Buchpräsentationen.

Das Interviewprojekt unseres Kunstvereins zu magischen Momenten schien mir eine gute Gelegenheit, den Autoren dieser schönen Zeichnungen kennenzulernen. Im Dezember 2021 fragte ich ihn an, ob er uns ein (wegen der Pandemie) schriftliches Interview geben würde. Seine Antwort folgte prompt, das mache er gerne und schriftlich passe ihm gut, denn: «es ist sicher auch cooler das zu lesen, als zu hören. (für mich zumindest.) ;-)»

So erfuhr ich endlich mehr über diesen Zeichner, der erzählte, dass er unter anderem schwimme, querfeldein durch den Wald liefe in Schlaufen, Bögen und Linien, Sauerteigbrot backe und ab und zu Boule spiele. Comics hatten ihn schon früh fasziniert und das Zeichnen hatte ihn immer begleitet, bis er es vor 15 Jahren zu seinem Hauptberuf machen konnte. Das selbstbestimmte und kompromisslose Arbeiten war ihm sehr wichtig, für Kompromisse sei er allenfalls bei Auftragsarbeiten bereit. Zu seinen Dialogen und Geschichten inspirierten ihn oft Gespräche, aber auch Bücher und sonstige Texte. Der Weg zu einer Zeichnung sei oft lang und führe «tief ins Unterholz und durchs Gedankengestrüpp». Magische Momente kämen eher selten vor, aber es gäbe Momente, in denen er zufrieden sei mit dem Ergebnis seiner Arbeit. Und das Zeichnen sei für ihn eine Art von Therapie, eine Rückzugsmöglichkeit. Stören tue ihn das «Alles-Wird-Gut-Geschwafel», das anderen Menschen nicht gerecht werde. Dem wolle er etwas entgegensetzen, er wolle mit seiner Arbeit die «schweren, weniger konformen, dafür ernsteren und abgründigeren Themen noch mehr vertiefen».

Zum Interview schickte Andy diverse Bilder von seinen Arbeiten – unter anderem ein Comic. Zu letzterem schrieb er: «zudem hab ich noch einen brandneuen witz angehängt. (einmal mit kryptischen sprechblasen und einmal mit lesbarem text). falls er dir auch gefällt, kannst du ihn gern noch einbauen oder auswechseln mit was anderem.» Die Protagonisten dieses Comics sind einmal mehr seine Klümpchen, die zwar leblos wirken, aber scheinbar doch eine Konversation führen. Der erwachsene Klumpen sitzt auf der Parkbank, zwei Kinder-Klümpchen liegen davor auf dem Boden. Bei der einen Variante der Zeichnung sind die Sprechblasen leer bzw. enthalten nur ein paar weisse Zeichen. Bei der anderen fragen die zwei kleinen Klümpchen den erwachsenen Klumpen, ob er ihnen sagen könne, wie man erfolgreich würde. Da aber der erwachsene Klumpen nicht mal «TikTok» richtig aussprechen kann, befinden sie ihn für alt und ahnungslos und beschliessen, sich von dannen zu machen. Ich musste lachen ab der Absurdität der Situation und ab der Vorstellung, wie Andy diese Worte den – immer noch wenig lebendig ausschauenden – Klümpchen in den Mund gelegt hatte.

Es folgte ein Hin und Her an Emails, wir schlugen ein Layout für sein Interview vor, er schickte Motive für Postkarten und wir besprachen Korrekturen. Zu den letzen Korrekturen schrieb er als PS: «in ZH fährt grad kein tram und kein bus, die räder der autos drehen durch und quietschen wie sterbende tiere und die bäume haben erdrückend viel schnee zu tragen ;-).» Wir verblieben, dass wir uns nach der Pandemie treffen würden und dann besprechen könnten, welche anderen Formen der Kollaboration noch möglich wären. Es würde ihn freuen, schrieb er, falls sich einmal etwas «zusammenarbeitstechnisches» ergeben sollte. Nachdem wir ihm die Belegexemplare seiner Postkarten geschickt hatten, kam die Meldung: «hab die postkarten heute aus dem briefkasten gefischt! super!»

Als das Interview letzten Januar veröffentlicht war, erfuhr ich, dass wir gemeinsame Bekannte hatten, die wiederum ganz erstaunt waren, dass der Kontakt zu Andy über andere Umwege zustande gekommen war. Ich schrieb ihm und wir mussten – wohlgemerkt immer noch via Email – beide lachen. Trotzdem schwang eine Traurigkeit mit. Ich fragte nach und er meinte, dass gerade alles viel Energie brauche: Corona, dass alles zu sei, das Wetter, die Kälte, aber bald sei Zeitumstellung, dann werde es heller und hoffentlich auch endlich wärmer. Kurze Zeit später, eine erleichterte Nachricht: «die zeitumstellung ist jedenfalls geschafft. jetzt gibt’s wieder mehr licht. uff!» Überraschend gesellte sich Andy letzten Frühling zu einem unserer Zoom-Events, wo wir jeweils ein paar Leute für Gespräche in Breakout-Räume schickten. So erfuhr ich über eine andere Teilnehmerin, dass Andy einmal ein Praktikum in einem Waldkindergarten gemacht hatte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, es sei eine spannende Erfahrung gewesen, wenn auch viel zu kalt für seinen Geschmack. Dabei wurde ihm klar, dass Zeichnen halt doch das war, was er tun wollte: «ich dachte mal kurz, ich könnte eventuell was anderes machen als zeichnen. aber ohne zeichnen geht es nicht. das hab ich dann einsehen müssen.»

Zum letzten Mal hörte ich von Andy im Juni. Zur Frage, ob wir seine Postkarten in einer Ausstellung zeigen dürften, erfolgte die Antwort schnell: «finde ich super!». Es kam nicht mehr zum Kaffee, den wir zusammen trinken wollten. Ich glaubte, dafür noch unendlich viel Zeit zu haben. Zutiefst traurig und erschüttert habe ich vom Tod eines wunderbaren Menschen erfahren, den auf dieser Welt nichts mehr festhalten konnte.

Laura Hilti, März 2022

 

>>> Interview mit Andy Fischli (Januar 2021)