Asha Ospelt-Riederer hat nach dem Lehrer*innenseminar in Sargans ein Übersetzer*innenstudium und Textpraktikum in Zürich absolviert. Heute ist sie mit ihrer Firma w.orte als selbstständige Texterin tätig, spezialisiert auf gendergerechte Kommunikation und unterrichtet als Primarschullehrerin. Sie ist Mutter von zwei Kleinkindern und Stiefmutter von zwei Teenagern. Aus Flums in St. Gallen stammend, lebt sie in Schaan und arbeitet in Sargans. Zu ihren Freizeitbeschäftigungen zählen Lesen, Yoga, Wandern und Langlaufen. Asha Ospelt-Riederer ist 39 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin mit meinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern in Flums aufgewachsen, unaufgeregt, mit viel Velo- und Skifahren. Ich war ein sehr angepasstes und ehrgeiziges Kind, wollte in der Schule nicht nur alles richtig, sondern auch noch schön machen.

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Laut meinen Eltern wollte ich bereits nach dem ersten Schultag Lehrerin werden. Und das, obwohl ich an diesem Tag furchtbare Bauchschmerzen vor Aufregung hatte. Nach dem Lehrer*innenseminar in Sargans arbeitete als Lehrerin auf verschiedenen Stufen. Das tue ich in Teilzeit ohne Unterbruch bis heute. Ich ging von Anfang an auf in diesem Beruf, sparte aber trotzdem auf ein Übersetzer*innenstudium, aus Neugier und Freude am Lernen. Bereits während des Studiums durfte ich spannende Schreibaufträge bearbeiten, als Korrektorin und Journalistin, und machte nach dem Abschluss zur eidgenössisch diplomierten Übersetzerin ein Textpraktikum in einer Werbeagentur in Zürich. Danach habe ich für verschiedene Magazine, Agenturen, Zeitungen und Unternehmen geschrieben und mir gleichzeitig Wissen zu gendergerechter Sprache angeeignet. Inzwischen arbeite ich als selbstständige Texterin mit Fachgebiet gendergerechte Kommunikation und als Klassenlehrerin in Teilzeit mit einer Jobsharing-Partnerin.

Der so bedeutungsvolle erste Schultag

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Am meisten hat mich wohl meine Familie geprägt und die Umstände, in denen ich aufgewachsen bin. Bescheidenheit war wichtig und Fleiss, Anstand und die Familie. Wir hatten lange kein Auto, weshalb wir meist mit dem Velo oder Zug unterwegs waren. Ich hatte eine schöne, ruhige Kindheit. Es hat mich stolz gemacht, früh einen Teil meiner Ausgaben selber bestreiten zu können, zum Beispiel habe ich mir mein erstes tolles, gelbes Mountainbike mit 14 Jahren in einem Ferienjob erarbeitet. Seit ich denken kann, haben mich schrille, laute Frauen wie Hella von Sinnen fasziniert. Sie gaben etwas einen Ausdruck, für das ich keine Worte hatte. Ich habe früh viel zu gesellschaftskritischen Themen gelesen.

 

Gab es bestimmte Personen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Ja, da gibt es viele. Sie zu nennen, würde den Rahmen sprengen und die Aufzählung wäre auch immer unfair unvollständig. Aber wen ich unbedingt erwähnen möchte, sind meine Grosseltern. Seit meiner Kindheit baut sich meine Bewunderung für sie auf: Ihre Offenheit, Besonnenheit und Dankbarkeit der Welt und einander gegenüber sind überwältigend. Sie sind grosse Vorbilder in ihrem Sein für mich.

 

Hat Sie Ihr Umfeld in Ihrem Werdegang unterstützt?

Mein Umfeld hat in den richtigen Momenten das Richtige gesagt. Entweder war das unterstützend oder kritisch. In beiden Fällen hat es mir weitergeholfen, weil ich nachdenken, Argumente finden und meine Position festigen musste. Ich finde, sowohl Unterstützung als auch Nicht-Unterstützung sind wichtig. Denn wenn du immer nur Rückenwind hattest, bläst dich der erste kleine Gegenwind vielleicht um?

Die Grosseltern, deren grossherzige Objektivität schon früh wertvoll war.

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Ich bin immer noch Klassenlehrerin in einer 6. Klasse in Sargans, wo ich seit 15 Jahren arbeite. Das ist mein beruflicher Fels in der Brandung. Darum herum hat sich alles verändert: Ich bin vor gut 10 Jahren Stiefmutter geworden und habe inzwischen zwei Töchter, die vier und ein Jahr alt sind. Ich habe mich als Texterin selbstständig gemacht und auf gendergerechte Kommunikation spezialisiert. Alle Berufe übe ich in Teilzeit aus.

 

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Ja, mein Leben erfüllt mich. Ich darf jeden zweiten Tag in eine neue Welt eintauchen. Ich kann Ideen aus verschiedenen Bereichen, beruflich und privat, miteinander verbinden, sich gegenseitig befruchten lassen. Diese Ganzheitlichkeit ist für mich Lebensqualität. Mich dünkt es manchmal, Teilzeitarbeit werde weniger ernst genommen als wenn man etwas in Vollzeit macht. Für mich gilt das Gegenteil: Meine Aufträge und Tätigkeiten übe ich verantwortungsvoll, zielgerichtet und mit viel Hingabe aus. Ich bin dadurch eine effizientere und umsichtigere Texterin, Lehrerin und Mutter geworden.

 

Was oder wer inspiriert Sie im Alltag?

Menschen. Es gibt so viele Menschen, die für ihre Überzeugungen einstehen, im Grossen und im Kleinen, ich bewundere sie. Meine wunderbaren Kinder und Stiefkinder, die das ganze Spektrum zwischen den höchsten Gefühlshöhen und meinen Grenzen erlebbar machen. Mein Mann, der vieles aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, was Diskussionen spannend macht. Meine wunderbaren Freundinnen, die so klug, umsichtig, ehrlich sind. Meine Herkunftsfamilie, die Zusammenhalt nicht nur predigt, sondern auch lebt. Und zahlreiche Querdenkende und Schriftsteller*innen, die ihre weltbewegenden Ideen und schönen Worte mit uns teilen.

 

Es gibt «magische Momente», in denen alles zu passen scheint. Momente, die erfüllen, inspirieren und Kraft geben. Momente, die bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche Momente in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

In Bezug auf meine Berufe: Magisch war ein Moment während meines Übersetzer*innenstudiums. Wir bekamen die Hausaufgabe, einen Text aus dem Englischen „etwas freier als üblich“ zu übersetzen. Ich habe aus dem Vollen geschöpft und alles umgeschrieben. Bei der Besprechung nahm der Dozent meinen Text vor allen Mitstudierenden als besonders abschreckendes Beispiel auseinander. Aber es war mir nicht peinlich, ich habe im Gegenteil innerlich Freudensprünge gemacht, denn von diesem Moment an wusste ich: Ich will frei schreiben! Wenn ich mich in mein Gegenüber in einem Interview förmlich hineinversetzen kann und es sich danach in meinen Worten wiederfindet – das ist auch magisch. Ein magischer Moment in der Schule vor ein paar Jahren war, als ein Schüler zum ersten Mal fragte: «Sollen wir mit unseren Banknachbarn und Banknachbarinnen arbeiten?», nachdem ich einige Wochen zuvor ohne Erklärung damit begonnen hatte, in der Doppelform zu sprechen. Da hatte ich den Beweis: Nicht einmal für Kinder ist es zu umständlich, Mädchen und Jungen sprachlich gleichsam zu berücksichtigen! Und dann all die kleinen, zauberhaften Momente: ein Lachen, ein Satz, der jahrelang nachklingt, die Tränen, die hochkommen, wenn ich jemandem einen persönlichen Brief schreibe. So viele magische Momente gäbe es täglich, wenn wir ganz bei uns und dem sind, was wir tun.

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche magischen Momente einstellen können?

Ich versuche genug zu schlafen, um dann wach zu sein für die magischen Momente. Ich versuche täglich mindestens zehn Minuten zu meditieren, um dem Kopf eine Pause und der Seele Raum zu geben. Ich versuche mich entgegen meinem Naturell immer wieder daran zu erinnern, dass man Dinge auch langsam machen kann.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Ich bin eine grosse Sympathisantin von Krisen. Nicht, dass ich gerne in Krisen stecke: Sie sind anstrengend, aufreibend, traurig. Ich habe einige Krisen durchgemacht, schon in jungen Jahren, und rückblickend muss ich zu jeder einzelnen sagen: Danke, dass du gekommen bist. Schwierige Momente zwingen uns, genau hinzuschauen, zu hinterfragen, neu zu beurteilen. Und wenn man sich ihnen stellt, kann man auch gestärkt aus ihnen herausgehen.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Ich würde gerne gewisse Mechanismen der Gesellschaft früher durchschaut haben wollen und mich weniger verbiegen um zu gefallen, wie ich das als junge Frau manchmal gemacht habe. Ich würde generell gerne früher verstanden haben wollen, dass wir Frauen und Menschen aus Gruppen, die weniger sichtbar vertreten sind in der Öffentlichkeit, stärken müssen, um die Gesellschaft insgesamt zu stärken.

Barfuss arbeitet es sich besonders gut.

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Es wäre schön, wenn ich es ansatzweise schaffe, meinen Kindern, Schülerinnen und Schülern das Gefühl zu vermitteln, dass sie und ihr Beitrag zu einer faireren Welt enorm wichtig sind. Ich würde gerne mit meiner Schreibarbeit mithelfen, das Bild von Frauen und Männern in der Gesellschaft weg von Klischees und Stereotypen hin zu mehr Freiheit für alle zu verschieben. Sprache ist zwar ein kleiner Teil der Realität. Aber Kommunikation und Lernen finden grösstenteils über Sprache statt – also ist das mehr als einen Versuch wert.

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Mir war als Kind und junger Mensch das Urteil meiner Lehrerinnen und Lehrer und meiner Eltern und in der Folge meines gesamten Umfelds enorm wichtig. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, meine Überzeugungen und Handlungen nicht mehr von einem fiktiven Urteil von aussen abhängig zu machen, sondern auf meinen eigenen Bauch und Verstand und auf mein Herz zu hören. Ich übe immer noch.

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Mich beschäftigt im Moment die Veränderung auf vielen Ebenen. Wir leben in einer unglaublich dramatischen und auch spannenden Periode. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit wusste die Masse mehr darüber, was in anderen Teilen der Welt passiert als jetzt. So viel ist passiert innerhalb kurzer Zeit, von #MeToo über Waldbrände in vielen Teilen der Welt, Kriegsdesastern und unmenschlicher Behandlung von Menschen auf der Flucht, Covid-19-Lockdown und Black-Lives-Matter-Proteste. Ich habe das Gefühl, wir können das Ruder herumreissen, hin zu einem globalen Denken, das auf Mitgefühl basiert, dem Bewusstsein, dass wir nur gemeinsam weiterkommen als Menschheit.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Ich bin dankbar dafür, hier geboren worden zu sein, in diesem unglaublich privilegierten Teil der Erde, um nicht sogar zu sagen: dem privilegiertesten. Daraus ergibt sich auch eine Verantwortung. Wer vom Schicksal reich beschenkt wurde, sollte auch viel geben: Zeit, Energie, Ideen, Verständnis, Liebe oder was auch immer die Welt besser macht. Darin meinen Platz zu finden, wird mich wohl noch länger beschäftigen.

Interview
Laura Hilti, Oktober 2020


Illustrationen

Stefani Andersen


Links

www.w-orte.li


Credits

Portraitfoto/ Barfuss: Philipp Beeler (mitwind.ch)
Alle anderen Fotos: privat

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Kuratiert von Stefani Andersen und Laura Hilti, Kunstverein Schichtwechsel.

Gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein und die Stiftung Fürstl. Kommerzienrat Guido Feger.

 

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