«Nach mehreren Tagen und Nächten ganz allein im Cockpit von Solar Impulse, weiss ich natürlich, was Isolation ist. Im Breitling Orbiter 3 waren es gar 20 Tage, die ich allerdings mit meinem Co-Piloten verbracht habe. Ein solches Eingesperrtsein kann man auf zwei Arten Leben: Entweder sehnt man sich das Ende herbei und zählt die Stunden und Tage in Erwartung einer besseren Zukunft, was einer schlimmen Folter gleichkommt, weil die Zeit so unendlich langsam vergeht. Oder man konzentriert sich ganz auf den Augenblick, das momentane Erleben, indem man seinen Gedanken lauscht und sich gewahr wird, dass man lebt. So geht man mit der Zeit, sie verliert jede Bedeutung. Mit dem Ende der Isolation ist man dann überrascht, wie schnell die Zeit vergangen ist. Egal ob in der Kapsel eines Heissluftballons, einem Solarflugzeug oder in seiner Wohnung während den Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus. Das ist sehr ähnlich. Sich die Zukunft vorzustellen ist viel beschwerlicher als im Augenblick zu leben.»

«Für gewöhnlich richten wir unsere Aufmerksamkeit nach aussen, auf das, was wir sehen, hören, spüren und riechen. Unter Hypnose kehrt man diese Aufmerksamkeit nach innen und wird sich seiner selbst und der eigenen Atmung bewusst. Nun kann man seinen Gefühlen, Ängsten und Sorgen begegnen. Nach dem Auftauchen aus der Hypnose, kann man seine Erfahrungen aus der Visualisierung unmittelbar anwenden. Wichtig ist dabei der Safe Place. Ein innerer Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Man kann in seinem Leben alles verlieren, deshalb ist es wichtig, in seinem Inneren etwas zu verankern, das einem niemand nehmen kann.»

«Ich bin nicht stolz darauf, mit einem Solarflugzeug um die Welt geflogen zu sein, sondern dieses Projekt trotz aller Probleme während 15 Jahren aufgebaut zu haben. Es lief längst nicht alles wie geplant und es gab viele Momente der Frustration und Enttäuschungen. Kein grosser Traum realisiert sich von selbst. Das gilt für alles, was man sich im Leben wünscht und erhofft. Einen Traum zu erreichen erfordert viel Arbeit. Vielleicht haben wir heute verlernt, hart für etwas zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und die Möglichkeit des Scheiterns zu akzeptieren. Gerade die Angst zu Scheitern und deswegen von anderen ausgelacht zu werden, hält viele Menschen davon ab, etwas in Angriff zu nehmen. Glücklicherweise bin ich früh in meinem Leben mehrmals gescheitert. Ich habe mich an den Spott der anderen gewöhnt. Wenn mich die Lust auf etwas packt, zögere ich nicht. Das Schlimmste ist nicht das Scheitern, sondern es nicht versucht zu haben.»

«Anstatt dafür zu kämpfen, auch das Unmögliche zu erreichen, könnte man ja das Leben und die Winde, die man nicht kontrollieren kann, nutzen, und das Ungewisse akzeptieren. […] Wer nur auf eine Art denkt, wird nur in eine Richtung getrieben. Unterschiedliche Lebenswege eröffnen sich nur durch andere Denkweisen. Wenn wir den Ballast unserer Gewissheiten, Lebensanschauungen und Gewohnheiten abwerfen, entdecken wir all die unterschiedlichen Flughöhen im Leben und können schliesslich die Denkweise wählen, die uns in die gewünschte Richtung trägt. Auch bei ungünstigen Windverhältnissen können wir die Flughöhe ändern. Auch heute beim Coronavirus. Angesichts der Pandemie sind wir eingeschränkt, sie zwingt die Wirtschaft in die Knie, ohne dass wir etwas daran ändern können, aber über eine andere Flughöhe können wir eine andere Richtung einschlagen und schauen, was wir damit erreichen. Es gilt, sich die Elemente einer Krise zu Nutzen zu machen und zu lernen, was wir nach der Krise besser machen können.

«Man verändert seine Flughöhe, indem man sich fragt, wie man bis dahin funktioniert hat. […] Allein der Wunsch nach Veränderung wird aber nichts nützen. Solange man auf derselben Flughöhe in seinem Denken verharrt, ist man blockiert. Wenn man aber neue Denkweisen zulässt, sich hinterfragt und überlegt, wie man anders reagieren könnte, eröffnen sich eine Reihe neuer Wege. Nun hat man eine Wahl.»

«Ich glaube, wir suchen die Sicherheit im Aussen, obwohl die grössere Gefahr darin besteht, Gefangene unserer hergebrachten Denkweisen zu werden. Was wir früher gelernt haben, mag damals nützlich gewesen sein, die Dinge sind aber stets im Fluss. Wir haben gelernt, uns gegen jeden Wandel zu stemmen und die gewohnte Sicherheit wieder erlangen zu wollen. Die meisten Veränderungen sind aber unumkehrbar. Nehmen wir an, Sie haben Ihre Stelle verloren. Natürlich können Sie ihren Arbeitgeber verklagen und vielleicht obsiegen Sie vor Gericht und kehren zurück an Ihre Arbeit. Dort sind Sie jetzt aber verhasst. Die Beziehungen zu den Kollegen sind schwierig geworden. Obwohl Sie eigentlich gewonnen haben, ist Ihr Leben zu Hölle geworden. Oder Sie fragen sich, welche andere Arbeit kann ich nun finden? Vielleicht erlernen Sie eine neue Sprache, machen eine andere Ausbildung und finden so eine Stelle, die möglicherweise besser ist als die alte. Das bedeutet es, Ballast abzuwerfen und die Flughöhe zu ändern. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es sich lohnt, den Kampf aufzunehmen. In der Mehrheit der Fälle ist es aber wie beim Wind. Man kann in einem Heissluftballon nicht gegen den Wind fliegen, ebensowenig kann man sich gegen das Leben stemmen. Krankheit, das Alter oder Finanzprobleme geschehen, ohne dass man dafür verantwortlich ist. Man hat aber die Verantwortung, darauf so zu reagieren, dass man eine Situation möglichst gut übersteht und vielleicht sogar weiterkommt.»

«Es wurde uns beigebracht, an Sicherheiten und Gewohnheiten festzuhalten und immer auf derselben Flughöhe und in dieselbe Richtung unterwegs zu sein. Drehen dann die Winde des Lebens, sind wir verloren, weil wir mit dem Unvorhersehbaren nicht umzugehen wissen. Das sollten wir ändern. Wir sollten begreifen, dass das Ungewisse, Fragen und Zweifel mächtige Impulsgeber sind für unsere Kreativität, Vorstellungskraft und Leistungsfähigkeit. In einer Routinesituation ist man nicht leistungsfähig. Es fehlt an Aufmerksamkeit, man fährt auf Autopilot. Schaltet man den Autopiloten aus, ist man anfangs etwas verloren und ratlos angesichts der unvertrauten Situation. Plötzlich ist man gezwungen, sich zu hinterfragen, und entdeckt dabei, dass Vertrauen viel wichtiger ist, als Mut. Mut mag helfen, gegen die Angst anzukämpfen, das kann funktionieren. Wenn sie aber auf Ihre Ressourcen vertrauen, begreifen Sie, dass Ihnen in einer sehr schwierigen Lage Ihre ganze Kreativität, Leistungsfähigkeit und Ihr ganzes Potenzial zur Verfügung stehen. Sie können alles in Ihrem Inneren abrufen und so versuchen, den Erfolg zu wagen.»

«Begegnungen sind sehr wichtig im Leben. Sei es die Begegnung mit einem Lehrer an der Schule, einem Nachbarn, jemandem aus der Familie, einem Freund oder eine Zufallsbekanntschaft. Es braucht eine Offenheit für Begegnungen, die einen herausfordern und Alternativen aufzeigen. Manchmal gelingt ein Leben dank solcher Rollenbilder, die einem etwas vorleben, einem Fussballer oder Schauspieler. Bei mir waren es die Astronauten und die Flugpioniere. So etwas anzustreben ist allen möglich. Natürlich gibt es äussert schwierig Umstände. Wer nichts zu essen und zu trinken hat, kann sich nicht um philosophische Fragen kümmern. Aber hier kommt vielleicht die Verantwortung derer zum Zug, die im Leben Glück gehabt haben. Man muss anderen helfen, man muss ihnen helfen, sich auszudrücken. Eine solche Hilfe beschränkt sich nicht auf Geldleistungen. Hilfe bedeutet, Mitleid zu fühlen, respektvoll zu sein, mit Rat zur Seite zu stehen. […] Wer also das Glück gehabt hat, sich im Leben entfalten zu können, steht in der Pflicht, anderen zu helfen, sich zu entfalten und etwas für sie zu tun.»

«Die heutige Coronakrise ist ein Abenteuer in dem Sinne, dass sie uns aus unserer Welt hinausbefördert und vor eine aussergewöhnliche Situation stellt. Wir haben die Wahl, das alles schrecklich zu finden und abzulehnen. Dann leiden wir und sind deprimiert und die schreckliche Krise bewahrheitet sich. Oder wir sagen uns: Die Welt war vorher instabil, zerbrechlich, ungerecht, verschmutzt und gefährlich. Was für eine Welt wollen wir heute bauen? Damit wird aus dieser Krise etwas Ausserordentliches, ein schöpferisches Abenteuer. Man könnte die wirtschaftliche und finanzielle Hilfe für die Unternehmen unter gewissen Auflagen vergeben und so sicherstellen, dass der Wiederaufbau der Wirtschaft nachhaltig wird, sauberer, effizienter, umweltfreundlicher. Eine Welt, in der alles läuft, ist schwierig zu verändern, heute funktioniert nichts mehr. Das gibt uns die ausserordentliche Chance, eine Welt aufzubauen, die besser sein wird als die Welt vorher. Die Flughöhe zu ändern bedeutet also die Krise zu nutzen, um gestärkt aus ihr hervorzutreten und nicht auf tieferer Stufe oder auf der gleichen Flughöhe wie vorher.»

«Unsere Welt strebt zum Nullrisiko. Die komplette Vermeidung von Risiken ist aber gefährlich. Die Auseinandersetzung mit Risiken lehrt uns, wachsamer, konzentrierter und leistungsfähiger zu sein. Das bringt uns weiter. Das grösste Wagnis im Leben besteht darin, nie ein Risiko einzugehen.»

«Wichtiger als alle Balance, Flugzeuge, Krisen oder Abenteuer ist die Frage, was man mit seinem Leben anfangen will und welchen Sinn man ihm gibt. Wer denkt, dass er aus dem Nirgendwo kommt und ins Nirgendwo geht und das Ziel des Lebens darin besteht, reich und glücklich zu sein, den wird die kleinste Krise umbringen. Wenn man aber versteht, dass man von irgendwoher kommt – ohne zu wissen woher – und dass man irgendwohin geht – ohne zu wissen wohin – und dass der Sinn des Lebens darin besteht, sich weiterzuentwickeln und sich über mehr Weisheit, Güte, Mitgefühl und positive Lebensenergie einzubringen, dann eröffnet sich ein Sinn hinter allen religiösen Strömungen und Philosophien, deren Aussagen sich ja kaum voneinander unterscheiden. Fast alle sagen sie, wir sollen unser Bewusstsein, unser Mitgefühl, unsere Weisheit und Lebensenergie erweitern, um uns weiterzuentwickeln, damit wir uns in einer Welt mit weniger Dualität, Konflikten und Leiden wiederfinden.»

Auszug aus dem Interview «Eine Krise ist ein Abenteuer, das man ablehnt» mit Bertrand Piccard von Barbara Bleisch, Sternstunde Philosophie

 

Nicht alles lässt sich planen. Die Coronakrise traf uns alle unvorbereitet, unsere gegenwärtige Situation gleicht einem Blindflug. Der Abenteurer und Psychiater Bertrand Piccard kennt den Umgang mit dem Unvorhersehbaren und Rückschlägen wie kein zweiter. Barbara Bleisch trifft ihn zum Gespräch.

Aufgeben ist Bertrand Piccards Sache nicht. Mit seinem Luftballon Breitling Orbiter ist er einmal ins Mittelmeer gestürzt, eine zweite Flugreise musste über China abgebrochen werden. Erst beim dritten Mal gelang die Erdumrundung und damit der Weltrekord. Auch mit seinem Flugzeug «Solar Impulse» musste er immer wieder Rückschläge einstecken, bevor die 42‘000 km um den Erdball geschafft waren.

Für den Pionier der Lüfte ist klar: «Das Abenteuer ist eine Krise, die man annimmt, und eine Krise ist ein Abenteuer, das man ablehnt.» Für den ausgebildeten Psychiater ist unsere Sicht der Dinge der eigentliche Stolperstein. Barbara Bleisch im Gespräch mit einem der grössten Abenteurer unserer Zeit über die Frage, wie wir alte Denkmuster verlassen, aus Krisen Kreativität schöpfen und zu Pionieren des eigenen Lebens werden.

Zum Interview «Eine Krise ist ein Abenteuer, das man ablehnt», Sternstunde Philosophie

 

Bücher von Bertrand Piccard

Die richtige Flughöhe (2017)
Mit der Sonne um die Welt (2019)

 


Credits
Zitate, Beschreibung und Bilder: Sternstunde Philosophie mit Barbara Bleisch vom 27.5.2020

Beitrag erstellt von
Laura Hilti, Kunstverein Schichtwechsel