Albrecht v.Bodecker studierte von 1951 bis 1954 an der Fachschule für angewandte Kunst Wismar/Heiligendamm und später an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst Berlin-Weißensee und an der Hochschule der Künste in Berlin (HdK/ UdK). Nach dem Mauerbau 1961 wohnte er weiterhin in Ost-Berlin (Prenzlauer Berg) und begann dort auch seine Tätigkeit als Graphiker für Buchverlage, Theater- und Filmplakate. Ab 1991 arbeitete er als Dozent an der Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, 1993 erhielt er eine Professur und 1994 bis 1997 war er Rektor der HGB. Seit der Emeritierung 1998 ist er wieder als freier Graphiker in Berlin tätig. Albrecht v.Bodecker wurde in Dresden geboren und lebt heute in Berlin. Er ist 88 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

1932 in Dresden geboren verbrachte ich die ersten fünf Jahre mit den Eltern und meinen zwei Brüdern in der Sächsischen Schweiz. Mein Vater war pensionierter Offizier des Ersten Weltkrieges. Da er nicht wollte, dass wir den sächsischen Dialekt annehmen, zogen wir nach Ludwigslust/ Mecklenburg, wo der Vater von 1902 bis 1918 im Dragoner Regiment gedient hatte.

 

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Nach der Schulzeit in Ludwigslust ging ich 1952 für drei Jahre zur Fachschule für angewandte Kunst nach Wismar und nach deren Umzug nach Heiligendamm.

1954 begann ich an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu studieren.

Nach sieben Semestern wurde ich aus kulturpolitischen Gründen exmatrikuliert und setzte das Studium an der Hochschule der Künste in der Hardenbergstrasse, im Westteil der Stadt, fort.

Jacobus Schnellpfeffer, «Stecknadeln im Sofa», Eulenspiegel Verlag, Berlin, 1987
Golo Mann, «LAVALETTE», Verlag der Nation, Berlin, 1987 (mit Vorsatzpapier)
Thomas Rosenlöcher, «Herr Stock geht über Stock und Stein», Kinderbuchverlag, Berlin, 1987

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Durch den Bau der Mauer im Jahr 1961 war das Studium, da ich im Ostteil der Stadt wohnte, abrupt beendet und ich musste mich um Aufträge bei den einzelnen Verlagen kümmern, d.h. im wahrsten Sinne des Worten «Klinken putzen», denn telefonisch war ich nicht erreichbar und online vernetzt zu sein lag noch in weiter Ferne.

Das waren also zwei politische Ereignisse, die meinen Werdegang deutlich beeinflusst haben.

 

Gab es bestimmte Personen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Schon früh bewunderte ich den Zeichner Albert Schäfer-Ast, später beeindruckten mich während des Studiums an der Kunsthochschule mit ihrer Kunst und ihrer Toleranz die Dozenten Herbert Behrens-Hangeler und Bert Heller, an der HdK dann Friedrich Stabenau.

Als Student führten mich Ende der 50-iger Jahre, vor dem Bau der Mauer, Reisen nach Italien, Frankreich und Spanien, die meinen Blick weiteten.

Bertolt Brecht, «Wenn die Haifische Menschen wären», Officina Ludi, 2003
Carl Jonas Love Almquist, «Die Woche mit Sara», Hinstorff Verlag, 1989
Wolf Spillner, «Die Baumräuber», Kinderbuchverlag, Berlin, 1982
Martin Walser, «Märchenspiele», Inselverlag, Frankfurt a.M./ Leipzig, 1998

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Mit fast 60 Jahren habe ich meine erste Anstellung als Dozent an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig (HGB) angenommen. 1994 bis 1997 war ich auch Rektor der HGB. Danach arbeitete ich wieder als freischaffender Graphiker.

An meinem zweiten Wohnsitz in der Uckermark führt eine still gelegte Bahnstrecke entlang, die eine wahre Fundgrube für das Material ist, das ich mit alten landwirtschaftlichen Gerätschaften ergänze und zu eigenwilligen Gestalten verarbeite.

Zwischendurch bleibt auch Zeit für einige graphische Arbeiten.

 

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Ja, diese Arbeiten empfinde ich für den aktuellen Abschnitt meines Lebens als erfüllend.

«Bücken und Aufheben» ist der Titel meiner im kommenden Sommer geplanten Ausstellung. Dort geht es eben um die Fragmente der stillgelegten Bahnstrecke. Diese Fundstücke, die ich vor der Haustür gesammelt und zusammengefügt habe, sind oft kuriose Objekte geworden, die nun in den Obstbäumen hängen.

Wenn diese gelungen sind, entwickeln sie sich gleichsam zu Gesprächspartnern.

Zauber des Ornaments, Staatliche Museen zu Berlin, 1969
AMPHITRYON, Deutsches Theater Berlin, 1972
Julius Schnorr von Carolsfeld 1794-1872, Staatliche Museen zu Berlin, 1973

Was oder wer gibt Ihnen im Alltag Kraft und Energie?

Wald, Wiese und Acker, die Bäume, die ich gepflanzt habe und vor allem die Freunde, die mich schon so lange begleiten und nicht zuletzt meine Frau sind die Quellen meiner Kraft.

 

Es gibt «magische Momente», in denen alles zu passen scheint. Momente, die erfüllen, inspirieren und Kraft geben. Momente, die bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche Momente in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Vor Jahren (1974) hatte ich in der Winterzeit einen recht eiligen Auftrag, für eine Ausstellung in Berlin «Französische Plakate aus 3 Jahrhunderten» ein Plakat zu schaffen. Das Ausstellungsmaterial war noch nicht vorhanden, kam erst kurz vor dem Ausstellungstermin. Ich konnte also nicht auf ein Plakat der französischen Künstler zurückgreifen. Es schneite. Da sind mir das Grün und die Farben der französischen Trikolore eingefallen. Aber wie unterbringen? Da war plötzlich der weibliche Mund da! Glücklicherweise wurde das Plakat im Siebdruck hergestellt, sodass die Farben recht ordentlich wiedergegeben wurden, denn dies war zu der Zeit hierzulande nicht selbstverständlich. Dieser Prozess aus dem Unterbewussten heraus wirkte in der Tat magisch!

Französische Plakate aus 3 Jahrhunderten, Staatliche Museen zu Berlin, 1974
Ausstellungsplakat Albrecht v.Bodecker, Graphik, Plakate & Illustrationen, Berlin, 1974

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Natürlich gibt es Zweifel! Man verfolgt mit Begeisterung eine Idee und plötzlich fühlt man sich in einer Sackgasse, wirft alles über den Haufen und fängt wieder von vorne an. Es geht um das Gefühl des Einklangs mit dem Werk.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Man bleibt flexibel, die ursprüngliche Idee geht nicht verloren und kann später unter Umständen modifiziert in eine andere Arbeit einfliessen.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Ja, manches möchte man im Nachhinein anders ausgeführt haben. Aber geht es uns allen nicht so?!

Die Ferien des Monsieur Hulot, Progress-Filmverleih-Kinoplakat, 1978
«Das Land Bum-Bum», Plakat Komische Oper Berlin, 1978
Die Besteigung des Chimborazo, DEFA-Filmplakat, 1989

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Natürlich geht es mir nicht nur um Befriedigung des ästhetischen Bedürfnisses, sondern um tiefere Erkenntnis verbunden nicht nur mit Nachdenken, sondern auch mit Assoziationen aus verschiedenen Richtungen.

 

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Anerkennung ist ein wichtiger äusserer Faktor für den Ansporn zum Weitermachen, die inneren Ressourcen zu entwickeln, Zweifel zu überwinden und Freude an der Arbeit zu haben. Schwerlich vorstellbar, dass dies jemand leugnet.

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben?

Manchmal wundert es mich, dass ich es geschafft habe, meine Familie zu versorgen und auch jetzt bin ich nicht unzufrieden, denn ich habe es wohl in der Vergangenheit erfahren, dass man nur wenig zum Leben braucht. Ich bin dankbar, dass ich darüber hinaus meiner Sammler- und Gartenleidenschaft nachgehen kann.

Der Dragoner-Sohn, Collage, 2000
Der Vater, Collage, 2003

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Es klingt vielleicht allgemein. Aber da ich den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen vom ersten bis zum letzten Tag erlebt habe, bin ich beunruhigt zu verfolgen, wie die Ideologien, Wirtschaftskämpfe und extrem ungleiche Verteilung der Güter zwischen den Gesellschaften zu regionalen Kriegen führen und das dünne Eis, auf dem manche Teile der Welt noch friedlich leben dürfen, auch schon bedroht ist.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Mein Elternhaus und die unzähligen Freunde und Freundinnen, die mir Verständnis und Hilfsbereitschaft entgegen brachten, haben massgeblich dazu beigetragen, dass ich ohne Verbitterung und bei ganz guter Gesundheit immer noch kreativ und gerne lebe.

Interview
Laura Hilti, Februar 2021


Links

Albrecht von Bodecker, Wikipedia
Albrecht von Bodecker, Universität Leipzig

 

Credits
Alle Fotos: Albrecht v.Bodecker
Plakat-Reproduktionen erstellt von: Achim Bötefür
Abbildungen erstellt von: Caroline v. Bodecker

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein und die Stiftung Fürstl. Kommerzienrat Guido Feger.

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