Hansjörg Quaderer studierte an den Kunstakademien von Urbino und Bologna in Italien, war lange Zeit freischaffend und unterrichtete von 2000 bis 2019 bildnerisches bzw. analoges Gestalten an der Universität Liechtenstein. Heute ist er als Maler, Literat und Verleger tätig und in verschiedenen Organisationen aktiv. Hansjörg Quaderer lebt in Schaan, Liechtenstein, und ist 62 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

«Aufgewachsen in Schaan, unentwegt, an einer mittleren Strasse mit hängenden Bündten, unweit der Grenze zwischen Gretschner und Goschgern, ein geborener Gretschner; ein Steinwurf entfernt die Kirche mit dem lethargisierenden Zusammenläuten; ein Steinwurf auf der anderen Seite, der Neni, der Patriarch, der dem jüngeren Bruder seine Hasen metzgete, während wir im Steg, da die Hasen, wie er sich ausdrückte, reif waren… D’Nana, s’Sefile, dorfbekannt, eine, die noch am jüngsten Tag Hööbirle auflesen würde; dr’ Gravenschteiner Bom, welcher dem Blockbau weichen musste, dr Boskopp’, d’Lisa, Neni’s Ross, eine leuchtende Welt, die zusammengeschrumpft ist, wia Dörrbirle. Die Maikäfer und die Brennesseln bleibender Erinnerungen.» Aus: Heimat – ein Gericht (1993). 3 Brüder, 1 Schwester, inspirierende Nachbarschaften mit Schlosserei, Schreinerei, Nanas «Lädile», einer Druckerei‚ zwei «Buurnereien», einer Bäckerei, einer Spenglerei und «ara Hampfla» Cousins als Komplizen.

Aus Pastellalbum, 1992

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Volksschule, liechtensteinisches Gymnasium, Matura; mehrmonatige Reise auf Inseln der Äegäis und den Berg Athos; 3 Jahre Autodidakt; Studium an den Kunstakademien von Urbino und Bologna.

8 Monate im GZ Resch tätig; einjährige «ozeanische» Reise nach Indien, in den indischen Himalaya, nach Zanskar, Ladakh, Nepal, und Indonesien; später dreimonatiger Arbeitsaufenthalt in Bhutan als Werkjahrsstipendiat. Ca. 20 Jahre freischaffend. Von 2000-2019 Dozent an der Uni.li, (bzw. den Vorgängerinstitutionen) für bildnerisches bzw. analoges Gestalten.

Aus Pastellalbum, 1992

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Wegweisend: In der zweiten Klasse Gymnasium unterrichtete für ein paar Monate der Künstler Martin Frommelt auf lebhafte und völlig unkonventionelle Weise, was mir den Knopf geöffnet hatte für Form und Farbe.

 

Gab es bestimmte Personen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Die Begegnung mit Robert Altmann war prägend, in dessen CCC (Centrum für Kunst & Kommunikation) ich 1979 meine erste Einzelausstellung hatte. Seine Editions Brunidor sind mir Anspruch & Massstab geblieben.

 

Hat Sie Ihr Umfeld in Ihrem Werdegang unterstützt?

Grosses und intuitives Verständnis von Seite der Mutter, zunächst Skepsis von Seite des Vaters, dann Akzeptanz. Rückhalt durch die Geschwister. Wunderbare Zusammenarbeit mit meinem Cousin Joachim Kranz.

Aus Pastellalbum, 1992
Aus Pastellalbum, 1993
Aus Pastellalbum, 1994

 

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Ich vagabundiere im Atelier, lese, male, korrespondiere, schreibe, sammle Bücher, spiele leidenschaftlich gerne Schach, betreibe ein kleines Nischenantiquariat, fungiere im Literaturhaus als Mitherausgeber des Jahrbuchs und bin Mitglied der Programmkommission. Wirke seit der Gründung 1993 als Präsident der NGO Tibet-Unterstützung Liechtenstein. Bin Mitorganisator der biennalen Liechtensteiner Literaturtage; gehe zusammen mit Roman Banzer und Roy Sommer dem Erzählprojekt «Liechtenstein erzählen» nach. «Demokratische Momente» erschien 2017, «Aufbrüche» im 2019 im Limmat Verlag, ZH.

Zurzeit arbeiten wir am dritten Band mit dem Arbeitstitel «Entwürfe».

 

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Meine Tage sind zu kurz für meine Interessen, Neigungen & Passionen.

 

Denken Sie, dass Sie selbst darauf einen Einfluss haben, ob Ihre Tätigkeiten erfüllend sind?

Das Heft muss man selber in die Hand nehmen. Ohne Eigeninitiative, Herzblut & Stetigkeit ist nichts zu erreichen. Die Selbstmotivation, das innere Feuer ist entscheidend. Zaubern muss man selber.

 

Gabriele Bösch, «DER MANN IN DER BLÜTE», edition eupalinos, 2020
Andreas Altmann, «HÄUSER DER SCHLAFENDEN GEDICHTE.», edition eupalinos, 2020

Was oder wer inspiriert Sie im Alltag?

Das Atelier, Föhnlicht, eine gewisse Sorglosigkeit.

 

Was oder wer gibt Ihnen im Alltag Kraft und Energie?

Begegnungen mit Menschen, die das, was sie tun, mit Leidenschaft und Intelligenz tun.

Egon Rheinberger, «DIE ITALIENREISE», 1897, edition eupalinos, 2020

Es gibt «magische Momente», in denen alles zu passen scheint. Momente, die erfüllen, inspirieren und Kraft geben. Momente, die bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche Momente in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Wenn z. B. ein Pastell gelingt, die Mischung von Leichtigkeit und Druck stimmt, beflügelt das.

Alles scheint dann erreichbar, feinste Weissverhältnisse und eine chromatische Dichte, alles ist noch zu sagen, anders, aber authentisch.

 

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche magischen Momente einstellen können?

Sich die Hände freihalten, sich nicht zu sehr verzetteln, offen & verfügbar bleiben für einen gewissen Geheimiszustand.

Aus Pastellalbum, 1995

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Zweifel ist der Stachel, der einen wach hält. Man ist nie «gerettet» oder «aus dem Schneider».

Bei den Meistern Mut und Quellen der Entschlusskraft zu finden hilft mir im Stillen.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Innere Krisen, wenn überwunden, machen einen federleicht und selbstvergessen.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Ich hätte mein fast 20-jähriges Engagement an der Uni.li vielleicht 5 Jahre früher beenden sollen, um meine Kräfte ausschliesslich in die eigenen Projekte zu leiten. Grund: Curriculumsbaustellen als Dauerzustand, in zu kurzen Perioden oder nur durch äussere Faktoren, ermüden und verhindern, dass man die «Kinderkrankheiten» eines Systems austrägt. Die Qualität einer Lehrtätigkeit besteht wesentlich in der möglichsten Intensität der Übertragung. Den Spiel- und Freiraum dafür zu schaffen, tönt auf dem Papier meistens nicht so knackig, weil es essentiell noch mit Leben & Geist gefüllt werden muss.

Aus Pastellalbum, 1995
Aus Pastellalbum, 1995
Aus Pastellalbum, 1995

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Natürlich! Ich versuche in meinen Arbeiten den Möglichkeitssinn in anderen zu entfachen, mit Phantasie selbst zu denken, das wirkt gelegentlich ansteckend.

 

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Anerkennung von Leuten, die einem viel bedeuten, wirkt balsamisch…

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben?

Ich betreibe Kulturtätigkeiten, vielseitige «Parallelaktionen», die mir die Lebensmittel verschaffen für meine ureigenste Kunst.

Aus Pastellalbum, 1995

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Es schmerzt, die Liechtensteiner Umsetzungsschwäche bei den besten äusseren Bedingungen zu beobachten. Eine Transformation steht an: nämlich darauf einzuwirken, dass Handbremsen gelockert werden, sodass ein Betriebsklima des Zulassens und der Wirksamkeit geschaffen wird, damit grossgedachte Ideen wie z. B. die Rheinaufweitung eine Chance bekommen.

Aus Pastellalbum, 1995
Aus Pastellalbum, 1995

Gibt es etwas, womit Sie sich in Zukunft gerne (verstärkt) beschäftigen würden?

Das Geheimnis von π weiter mit zeichnerischen Mitteln zu «bezirzen», ein paar unerhörte Editionen zu realisieren, ein paar Geringfügigkeiten zu schreiben, kühne Literaturtage zu organisieren, freie Gedanken in Werke zu verwandeln.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Besonders dankbar bin ich dafür, dass ich dank Irmi meine Tochter Gianna kennen lernte.

Interview
Laura Hilti, Januar 2021


Links
www.hajqu.com
www.erzaehlen.land

www.lielit.li

 

Credits
Portraitfoto: Brigitte Risch
Alle anderen Fotos: Hansjörg Quaderer

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein und die Stiftung Fürstl. Kommerzienrat Guido Feger.

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