Helena Becker wuchs an der Grenze zwischen Schaan und Vaduz in Liechtenstein auf. Sie machte die üblichen Schulen, danach den Vorkurs und eine Ausbildung an der Kunstschule zur Werklehrerin. Sie hatte verschiedene Jobs, war verheiratet und hat zwei Kinder. Viele Jahre war sie Hausfrau und machte immer wieder Kunst. Nach der Scheidung stieg sie in ihren erlernten Beruf ein und aktuell unterrichtet sie Bildnerisches Gestalten. Meist arbeitet sie daran, dem zu dienen, was ihr das Leben anvertraut hat. Dazu gehört auch die künstlerische Tätigkeit. Sie liebt ihr Haus und den Umschwung sehr. Das bedeutet zwar viel Arbeit aber macht auch viel Freude. Die mittlerweile erwachsenen Kinder studieren in Zürich und Wien. Da ihr das Haus alleine zu gross ist, teilt sie es zurzeit mit zwei Studenten – was ganz gut klappt. Sie liest gerne zur Entspannung. Wandern macht sie auch glücklich. Helena Becker ist 58 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Ich wuchs mit meinen drei Schwestern auf einem Bauernhof an der Grenze zwischen Vaduz und Schaan auf. Mit viel Vieh, Natur, Pflicht und Freiheit. Der Boden, auf dem das Haus steht, war ursprünglich in Schaan liegend, wurde aber 1970 der Gemeinde Vaduz zugeteilt. Meine Kindheit war „schaangeprägt“. Die Grenzumlegung spaltet mich heute noch,

Meine Kindheit ging mit den Jahreszeiten einher, meine Orte waren Stall, Feld, Schwimmbad und Berge. Das Erkundungsgebiet war gross, wir, meine drei Schwestern und ich, waren frei, es gab die Rüfe, den Rhein und die Wiesen.

 

Können Sie Ihren Werdegang schildern?

Nach der Schule war ich etwas orientierungslos, begann eine Lehre, die ich abbrach. Hansjörg, damals schon der Freund meiner Schwester, sah, dass ich mich kreativ ausdrücken konnte und handwerklich begabt war. Er riet mir, die Werklehrerfachklassen zu machen. Das machte ich und heute lebe ich vom Unterrichten. Ich kam mit Kunst in Kontakt, durch die vielen Reisen nach Italien wurde ich kulturell sensibilisiert. Mit zwanzig kannte ich die Liechtensteiner Kunstszene und irgendwie war ich dabei, machte mit, wurde angenommen. Malerei war das Mittel, mit dem ich mir die Welt zu erklären versuchte. Sie half mir immer wieder, eigenes zu verarbeiten oder das Leben zu erforschen. Ich bekam für mich verständliche Antworten. Aus diesem Grund interessierte mich auch, was im Land ausgestellt wird. Künstler*innen waren für mich interessante Menschen – Wissenschaftler*innen und Botschafter*innen.

Dann kam die Zeit der Ehe und Kindererziehung. Ich war ganz Hausfrau und Mutter.

Mit der Zeit entstand wieder Raum für Kunst, für Dinge, die gesagt werden mussten, und erste Ausstellungen.

Eine Amour fou warf mich aus dem damaligen Leben.

Durch die Scheidung musste ich mich neu orientieren, Geld verdienen. Menschen, die Freunde wurden, halfen mir weiter und unterstützten mich.

Bläuling

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Die Arbeit in der Natur und mit den Tieren hat mich sicher geprägt. Wir mussten mithelfen, daraus entstand das Gefühl für Verantwortung. Mein Vater fand immer eine Lösung, wenn etwas nicht funktionierte, er war sehr praktisch und kreativ. Das zeigte mir, es gibt immer einen Weg, man muss es probieren.

Ich wollte als Mensch alles richtig machen, schon als Kind wollte ich die Welt wirklich verstehen, ich war sehr suchend und forschend. Da waren die Geschichten von Jesus, die Pfarrer Schnüringer uns erzählte, eine Offenbarung. Er liess uns im Unterricht Bilder davon malen. Ich ging darin auf. Das prägte mich sehr.

Ich lebte damals in einer magischen Welt, versuchte alles, was ich nicht verstand, mir so zu erklären. Ich brauchte diese magische Welt sehr lange und heute noch ein wenig.

 

Hat Sie Ihr Umfeld in Ihrem Werdegang unterstützt? 

Ja, da könnte ich einige Menschen aufzählen, aber sicher meine Schwestern und Hansjörg Quaderer. In jeder Phase waren wunderbarerweise Menschen da, die mich unterstützten. Danke.
Heimat, Papierschnitt, 2016

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Unterrichten und Vorbereitungen auf die nächste Triennale.

 

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Ja. Meine Tätigkeit lässt mir die Freiheit zu gestalten. Was ich vermittle ist vorgegeben, aber das „wie“ ist meins. Der Austausch mit den Schüler*innen freut mich.

Die Kunst erlaubt mir, in meine Welt zu versinken, mein Weltbild auszuloten, neu zu definieren.

 

Denken Sie, dass Sie selbst darauf einen Einfluss haben, ob Ihre Tätigkeiten erfüllend sind?

Wenn ich mich ernst nehme in dem, was ich mache, und ganz dabei bin, wird die Tätigkeit erfüllend.

Ziele setzen, flexibel bleiben, Strategien ändern, Bewährtes beibehalten, sich freuen, wenn es gelingt.

Workshop mit Schüler*innen im Rahmen der Ausstellung «Denn heute ist die beste Zeit», Kunstverein Schichtwechsel, 2014

Was oder wer inspiriert Sie im Alltag?

Zeitgeschehen, Kultur, die Natur, Literatur und Bilder.

 

Was oder wer gibt Ihnen im Alltag Kraft und Energie?

Haus und Garten, Stille, ein Buch, Begegnungen und natürlich meine Freunde.

 

Es gibt «magische Momente», in denen alles zu passen scheint. Momente, die erfüllen, inspirieren und Kraft geben. Momente, die bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche Momente in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal geht dem Moment eine magische Denkform voraus, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Wenn ich am Freitag beispielsweise kein Fleisch esse, werde ich keine Würmer in den Früchten haben.

So ein magischer Moment kann einer Offenbarung gleichen und tiefes Verstehen bringen. Z.B. als meine Tochter sehr krank war, wussten wir nicht, ob sie wieder gesund wir. Da betete ich zu Maria. Darauf fühlte ich eine Ruhe in mir in Form von Licht und empfing die Botschaft, dass alles gut wird.

Alles kann sich in magischen Momenten ändern, Gefühle können sich umwandeln, auflösen. Das kann auch Gnade genannt werden. Einmal hatte ich grosse Probleme mit einem Menschen in meiner Umgebung, es wuchs sich aus. Irgendwie gab es keine Lösung. Alle Gedanken drehten sich darum. Nach einem erneuten Vorfall mit dem Menschen – wir standen uns gegenüber – passierte es, dass ich ihn wirklich wahrnahm, sein Leben verstand, alles was ihn so gemacht hatte, was ihn so handeln liess. Aus diesem Verständnis wurde Hass zu Liebe umgewandelt, jedenfalls löste sich das Negative auf. Danach gab es ein Auskommen. Es war ein wunderbarer, starker, aussergewöhnlicher Moment, der mich ehrfürchtig zurück liess.

Einen starken magischen Naturmoment erlebte ich auf einer Heimfahrt. Es war noch dunkel, obwohl der Morgen gleich anbrechen würde. Dann kurz bevor es zu tagen begann, leuchtete die Erde in einem unbeschreiblich fluoreszierenden Licht, so, als bestände sie daraus.

 

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche magischen Momente einstellen können?

Wenn ich kreativ arbeite, schaffe ich den Raum dazu. Achtsamkeitstraining und durch «gwundrig» bleiben. «Ich Narr vergass der Zauberdinge!» Diese Momente sind Geschenke.

Rhii

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Natürlich gibt es diese Momente. Ich denke in solchen Momenten, was nützt das alles, wer bin ich schon.

Dann aber sag ich mir: Weitermachen.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Ja… und hoffen, dass ich mein Karma abarbeite.

Das Alter macht alles einfacher, es gibt schon einen Blick zurück, auf Erfahrungen und Überwindungen.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Vieles… manche Weichen werden zu früh gestellt.

Ich hätte gerne mehr Zeit für meine Kinder gehabt und weniger Stress mit dem Leben. Warum, weil man Zeit nicht zurückholen kann. Nun lebe und entscheide ich bewusster, was ich mit meiner Restzeit mache.

Jetzt, Beitrag zur Ausstellung «Denn heute ist die beste Zeit», Kunstverein Schichtwechsel, 2014

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Wäre schön, wenn es das tut.

 

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Nicht wirklich, ich war nie ehrgeizig. Als Kind habe ich vielleicht zu oft gewonnen, ich konnte vieles, mir gelang fast alles. Ich wollte, wie viele Kinder, nur die Anerkennung meines Vaters.

Wenn ich heute etwas zeige oder mache, sollte es meinen Ansprüchen an Kunst, an meine Arbeit entsprechen.

Mich überrascht in guten Momenten selbst, was unter meiner Hand entsteht. Das ist wie ein Zwiegespräch mit dem Universum, das ist die Anerkennung, von der ich mich nähre. Diese Momente des Staunens über das, was geschieht, was mir oder durch mich passiert.

Generell möchte ich nicht denken müssen, das hätte ich besser können. Das macht mich angreifbar. Natürlich freue ich mich auch über Anerkennung von aussen.

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben?

Momentan lebe ich gut, ich muss mir keine Sorgen machen, das entspannt.

Der Nachteil ist, es bleibt kaum Zeit für meine künstlerische Tätigkeit.

Katzenschnitt, Papierschnitt, 2014

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Die ganze Digitalisierung. Was sie mit uns Menschen macht. Wohin es die Welt führen wird.

Manchmal das Altwerden.

 

Gibt es etwas, womit Sie sich in Zukunft gerne (verstärkt) beschäftigen würden?

Mit Achtsamkeit, Kunst und Magie.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Für die Menschen, die mir auf meinem Weg begegnet sind, und die Liebe.

Interview
Laura Hilti, Oktober 2020


Links

www.artnet.li

 

Credits
Fotos «Denn heute ist die beste Zeit»: Kunstverein Schichtwechsel
Alle anderen Fotos: Helena Becker

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein und die Stiftung Fürstl. Kommerzienrat Guido Feger.

 

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