«Die Frage ist nur, wie man eine Gesellschaft organisieren kann, dass das Positive, das wir haben, nicht zu teuer bezahlt wird. […] Vielleicht wird es klarer, wenn man Natur und Recht miteinander vergleicht. In der Natur gilt – sehr vereinfacht – im Wesentlichen das Recht des Stärkeren, the survival of the fittest. Der, der sich am besten anpasst, der die längsten Zähne hat, der am schnellsten ist und so weiter. Der, der den längsten Hals hat – wenn es eine Giraffe ist, der kriegt die besten Blätter und überlebt und kann sich vermehren. Das ist sozusagen das Prinzip der Natur und der Entwicklung des Lebens. Das Recht macht genau das Gegenteil. Insofern sind die Prinzipien des Rechts das Gegenteil der Prinzipien der Natur. Das Recht schützt in allererster Linie den Schwächeren, der den kürzeren Hals hat, der den Schutz verdient und sich nicht selbst schützen kann. Wenn Sie sehr vereinfacht das das Seerecht nehmen, da ist es so, dass der Dampfer dem Ruderboot ausweichen muss und das grosse Segelschiff dem Dampfer und der Öltanker dem Segelschiff – nicht umgekehrt. Das ist sozusagen die Idee des Rechts, dass wir denen, die das nicht selbst können, möglichst hohen Schutz angedeihen lassen. Man kann das auch sehr hart sagen: Wenn Sie sehr reich sind und sehr mächtig, brauchen Sie keine Grundrechte, dann können Sie sich selbst schützen.»

«Eines der Dinge, die wir aus der Krise jetzt gelernt haben – oder mir neu war – das ist, dass es offensichtlich möglich ist, wenn eine Gesellschaft etwas wirklich will, das auch durchzusetzen. Oder wenn ein Staat etwas wirklich will, das auch durchzusetzen. Das war vorher nicht denkbar. […] Ich würde mir wünschen, dass wir aus dieser Krise heraus beispielsweise verstehen, dass wir das alles, was wir jetzt im Negativen gelernt haben, ins Positive wenden können und uns beispielsweise eine europäische Verfassung ausdenken würden. […] Ich würde mir eine Verfassung wünschen wie die ursprünglichen grossen Verfassung der Menschheit waren, nämlich Utopien. […] Und jetzt stellen Sie sich eine Verfassung in Europa vor, die gar kein Kompromiss ist, sondern die genauso utopisch ist, indem wir beispielsweise sagen: Die Daten eines Menschen gehören ausschliesslich ihm selbst. Also keiner Firma, keinem Staat, keinen sozialen Medien, sondern nur ihm selbst. Jetzt würde jeder sagen: ‹Wie stellst du dir das vor, das ist gar kein Geschäftsmodell, wie soll denn Facebook oder Twitter überleben.› Aber das wäre der Witz dabei. Dass man einfach sagt: Das ist jetzt das Recht. Das Recht von Ihnen ist: Sie entscheiden alleine über Ihre Daten, Sie geben die niemandem, sie gehören immer Ihnen und keine Firma darf sie in einer Form verwerten, die Ihnen nicht gefällt. Oder Sie sagen: Wir legen jetzt einen Anspruch der Menschen – nicht irgendwie eine Hoffnung, sondern einen echten Anspruch – auf eine intakte Umwelt fest. Wir schreiben die in eine Verfassung: Jeder Mensch hat das Recht auf eine intakte Umwelt. Jeder würde sagen: ‹Das geht nicht. Man kann nicht so einen Verfassungsartikel schreiben, weil wir dann alles ändern müssen.› Ja genau, das wäre die Idee, dass wir dann eben alles ändern. Das würde nicht sofort gehen, aber nach und nach. […] Der Witz wäre, es einmal festzuschreiben und das würde mir gut gefallen. Dafür wäre Europa der richtige Kontinent: Dieser alte, ein bisschen schwächliche, sympathische, reiche, interessante Kontinent. Und das würde ich mir wünschen, wenn wir sozusagen die Lehren, die wir im Negativen aus dieser Krise erfahren haben, nämlich dass alles möglich ist, um Menschen zu schützen, dass wir das umwandeln in etwas Positives. […] Das darf nicht über die Politik laufen, sondern das kann nur funktionieren, wenn es eine Bewegung der Menschen ist. […] Von der Politik kann man das nicht erwarten. Es gibt keine grosse Verfassung, die durch Politik entstanden ist, sondern es war immer die Bevölkerung, die das wollte. […] Der Grundgedanke einer europäischen Verfassung müsste von […] der Strasse aus gehen und nicht aus der Amtstube und auch nicht aus dem Plenarsaal.»

«Ich muss sagen, ich habe überraschend viel Glück immer in meinem Leben gehabt. Ich hab immer fast zu richtigen Zeit das Richtige tun können und vieles ist mir zugefallen und hat sich durch glückliche Umstände ergeben. […] Ich glaube schon, dass die Dinge, wie sie sich entwickeln und wie Sie sich als Menschen entwickeln und ob Ihr Leben glückt oder ob es nicht glückt zu einem grossen Teil von Ihnen abhängig ist. Und natürlich, wenn Sie jetzt in Indien in einem Slum aufwachsen und alles furchtbar ist, dann wird das sehr viel schwerer. Aber wenn wir sehen, dass wir in diesem Land nun wirklich fast alle Möglichkeiten haben und es recht offen ist und die Gesellschaft durchlässig ist und Sie Ihren Beruf wählen können oder auch zwei Berufe oder drei Berufe in Ihrem Leben recht frei wählen können, dann gilt wahrscheinlich dieser alte Satz, dass Sie immer noch zu einem grossen Teil Ihres Glückes Schmied sind und nicht irgendjemand anderes dauernd auf dem Amboss rumhaut. Es ist für viele Menschen schwer und ich glaube auch nicht, dass Chancen in dieser Gesellschaft ganz gleich verteilt sind – natürlich nicht, aber es ist sehr viel besser als in vielen Ländern, die ich gesehen habe.»

«Wenn Sie ganz in sich ruhen und ein glücklicher, zufriedener Mensch sind, sind Sie kein Schriftsteller, weil Sie kein Bedürfnis haben, eine Welt zu erfinden. […] Die meisten Menschen, die ich kenne, die schreiben, die musizieren – auf einem professionellen Niveau – oder die Kunst herstellen oder auch Schauspieler […] sind mit ihrem Blick auf die Welt und mit ihrer Existenz und mit dem, was sie ausmacht, nicht zufrieden. Und es stimmt nie ganz. Und das verlässt einen auch nicht. Man glaubt, man schreibt jetzt ein Buch, man versucht, in diesem Buch wahrhaftig zu sein, man versucht, die Dinge zu erklären, man versucht, sich selbst mit diesem Buch die Welt klarer zu machen. Und es gelingt nicht. Und dann schreibt man das nächste Buch. Aber man ist nie ganz zufrieden.»

«Ich glaube, das Wichtigste ist dabei, nicht für irgendein Feuilleton oder für irgendeinen Preis oder irgendeine Anerkennung oder irgendetwas anderes Merkwürdiges zu schreiben, sondern man muss wirklich für den Leser schreiben. Man erzählt eine Geschichte – mehr mache ich ja im Grunde genommen nicht. […] Und das Seltsame ist – etwas, das wir nicht auf der Schule lernen – wenn man genau nachdenkt, welche Kriterien es für Kunst gibt oder für Literatur oder für Schauspiel oder für Musik oder für irgendeine dieser Formen, dann kommt man relativ schnell darauf, dass es nicht darum geht, die schönsten Worte zu benutzen oder den gedrechseltsen Satz, sondern dass Worte wahr sein müssen, dass sie dreidimensional sein müssen, dass sie ein eigenes Gewicht haben wie Wasser oder Sommer oder Wagen oder so etwas. Und das einzige Kriterium, um das es geht, ist, dass sie den Menschen berühren. Alles andere ist zweitrangig. […] Wenn Sie eine Geschichte erzählen, wenn Sie einen Film sehen, wenn Sie im Konzerthaus sitzen und Sie hören Musik, wenn Sie jemanden nicht berühren mit dem, was Sie machen, taugt es nichts. Dann kann es alles andere sein, dann kann es immer noch grosse Philosophie sein oder sonst irgendwas, aber es taugt nichts, weil es nicht menschlich ist. Und dieses Berühren eines Menschen, das haben Sie im Kopf, wenn Sie schreiben, und das Kriterium dafür ist relativ einfach zu finden: Es muss Sie nämlich selbst berühren. […] Und wie schafft man das? […] Wenn Sie schreiben, dass eine junge Frau sehr lange weint und sich die Augen aus dem Kopf heult, berührt das keinen Menschen, wenn Sie aber beschreiben, warum das so ist, kann es jemanden berühren.»

«Wenn Sie einen abstrakten Gedanken haben, den Sie in einer Geschichte erzählen wollen, müssen Sie Bilder für diesen abstrakten Gedanken finden. Wenn Ihnen das gelingt, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass man es liest, weil wir alle in Bildern denken. Wir denken nicht in abstrakten Begriffen. […] Und das ist auch das Schwerste. Wir lernen ja in der Schule immer das Gegenteil. […] Beispielsweise in der Philosophie ist es fast unmöglich für einen Laien heute ein heutiges deutsches philosophisches Buch zu lesen. Das war schon vor 200 Jahren fast nicht möglich. Aber dass das nicht so sein muss, sehen Sie beispielsweise an der englischen Philosophie oder der amerikanischen Philosophie. […] Wenn Sie amerikanische Rechtsphilosophen lesen: Sie lesen das fast wie ein Roman. Sie verstehen sofort, was die meinen. Die zwingen sich, in Bildern zu schreiben, in Beispielen, die Ihnen klar werden, und nicht in Begriffen. Und das ist sozusagen die Art, wie ich schreibe. […] Sie wollen ja, wenn Sie schreiben, gelesen werden. Sie wollen nicht, dass jemand sagt: ‹Oh, das ist ein grosser Denker!› oder so etwas. Sie wollen jemanden im Kaffeehaus sehen, der Ihr Buch liest.»

«Ich glaube nicht, dass man sich selbst einen Sinn [des Lebens] aussuchen kann, sondern man kann versuchen, ein Leben zu führen, von dem man am Ende dieses Leben sagen kann: ‹Es ist geglückt.› Viel mehr wird einem nicht gelingen. […] Versuchen Sie, so ein bisschen das Richtige zu tun und das reicht auch schon.»

«Wenn man jung ist und seinen beruflichen Weg beginnt, dann entscheidet man sich oft dafür, etwas zu machen, mit dem man Geld verdient – oder dass das ein Ziel ist. […] Tatsächlich zeigt das Leben, dass es genau umgekehrt ist. Also wenn Sie das tun, was Sie gerne tun möchten und was Sie selbst für sich für interessant halten und wo Sie merken, das können Sie ganz gut und das ist mehr Berufung als Beruf, dann kommt das Geld automatisch. Es ist relativ sinnlos, sich nach dem Geld zu richten, weil das Geld oder der Erfolg, wenn Sie so wollen, kommt, wenn Sie etwas tun, das Sie gerne tun möchten. […] Es gibt Studien darüber, wie viel Geld glücklich macht. Das ist eine interessante Forschung. Und es besteht keinerlei Verbindung ab einem gewissen Wohlstand oder ab einer gewissen Summe, die Sie verdienen. Dann können Sie danach noch das Zehnfache verdienen, aber Sie werden nicht zehn Mal so glücklich, sondern es bleibt gleich. […] Wie bei allen Dingen geht es um die Mitte und um das richtige, das menschliche Mass. Es darf nicht zu viel sein und nicht zu wenig.»

 

Auszug aus dem Podacast «Ferdinand von Schirach – Was ist dein Versprechen?» von Hotel Matze


Credits
Interview und Bild: «Ferdinand von Schirach – Was ist dein Versprechen?» von Hotel Matze

Beitrag erstellt von
Laura Hilti, Kunstverein Schichtwechsel