Franziska Möhrle wuchs in einem kleinen Dorf in Süddeutschland auf. Nach dem Abitur absolvierte sie verschiedene Praktika, unter anderem in einer Töpferei in Südschweden. Seither arbeitet sie dort jeden Sommer. 2013 begann sie das Architekturstudium an der Uni Liechtenstein und zog dafür nach Feldkirch. Zwischen Bachelor und Master arbeitete sie zwei Jahre bei dem Architekten Martin Mackowitz im Architekturbüro ma_ma. 2017 gründete sie mit Valerie Rainer das Architekturkollektiv auf´strich. Diesen Sommer schliesst sie ihr Masterstudium ab. Franziska Möhrle mag töpfern, sammeln, draussen sein, wandern und spazieren, Leute, Natur, Bücher und Kaffee. Sie ist 26 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin mit meinen drei jüngeren Brüdern und meinen Eltern in dem sehr kleinen Dorf Kappel in Süddeutschland in einem Haus mit Garten und viel Natur drum herum aufgewachsen.

 

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Nach dem Abitur machte ich ein «Lückenjahr», in dem ich unter anderem bei der Apfelernte arbeitete und ein Praktikum in einem Architekturbüro sowie einer Töpferei in Mölle, Südschweden machte. Anschliessend begann ich das Architekturstudium in Liechtenstein. Nach dem Bachelor arbeitete ich für zwei Jahre bei Martin Mackowitz in seinem Büro ma_ma. 2017 gründeten Valerie Rainer und ich das Architekturkollektiv auf´strich. Seit 2018 studiere ich im Master an der Uni Liechtenstein. Im Rahmen des Studiums absolvierte ich das Sommersemester 2019 an der Kunsthochschule KADK in Kopenhagen. Voraussichtlich werde ich den Master dieses Semester abschliessen.

Arbeiten in der Möllekrukmakeri
Verkauf in der Möllekrukmakeri
Möllekrukmakeri & Café
Möllekrukmakeri & Café

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Das Praktikum in der Töpferei in Mölle in Südschweden. Seit dem Praktikum 2013 arbeite ich jeden Sommer in der Töpferei in Mölle. Ausserdem prägte mich die Uni in Liechtenstein und das Architekturstudium sowie das Arbeiten bei ma_ma sehr.

Auf all diesen Stationen habe ich gleichgesinnte Menschen, gute Freunde kennengelernt, sodass ich diese Orte meine Heimat nenne, an denen ich mich wohl fühle und aktiv mitgestalten kann.

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Gab es bestimmte Personen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Die Menschen um mich herum, Familie, Freunde, Personen, bei denen ich mich wohl fühle, prägen mich am meisten und geben mir die grösste Kraft. Meine Eltern gaben mir und meinen drei jüngeren Brüdern ein grosses Urvertrauen und Unterstützung in unser Tun mit auf unseren Weg. Ausser meiner Familie sind für mich wohl immer die Menschen prägend, die mit grosser Offenheit, Empathie, Neugier und spielerischer Leichtigkeit der Welt begegnen, bei denen der Mensch im Fokus steht.

 

Hat Sie Ihr Umfeld in Ihrem Werdegang unterstützt?

Ich habe das grosse Glück, dass ich bisher immer auf Menschen gestossen bin, die mich in meinem Werdegang unterstützt und mir Vertrauen geschenkt haben.

Werkstatt für Kinder: Wahrnehmungsspaziergang
Werkstatt für Kinder: Wahrnehmungsspaziergang

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Derzeit arbeite ich an meiner Masterhesis mit dem Thema «Eine Werkstatt für Kinder». Ich möchte einen Ort für das freie Gestalten und die Raumerfahrung mit allen Sinnen, einen Freiraum für Kinder und Kindgebliebene im Reichenfeld in Feldkirch schaffen. Ausserdem gebe ich Nachhilfe bei der Agentur nachhilfeplus in Schaan und arbeite mit Valerie Rainer und auf´strich an kleineren Projekten wie beispielsweise dem RE:Postgenerator gemeinsam mit dem Poolbarfestival und der österreichischen Post.

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Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Ja, sehr. Doch nimmt das Studium auch viel Zeit ein und ich freue mich auf die Zeit nach dem Studium, die wieder mehr Freiraum für eigene Projekte bietet.

 

Denken Sie, dass Sie selbst darauf einen Einfluss haben, ob Ihre Tätigkeiten erfüllend sind? Falls ja, welche Strategien haben sie, um dies zu gewährleisten?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, dass es wichtig ist offen zu sein, sich aus eigenem Antrieb zu engagieren, gerne zu unterstützen und seiner Intuition zu folgen. Dann lernt man (meist) Menschen mit ähnlichen Zielen und Visionen, Gleichgesinnte kennen, mit denen man gemeinsam tätig wird.

 

Was oder wer inspiriert Sie im Alltag? Haben Sie Strategien, um die Chancen zu erhöhen, dass es inspirierende Momente gibt?

Wenn ich mit Neugierde unterwegs und mit allen Sinnen offen für mein Umfeld bin, dann inspiriert mich das sehr, sei es durch Gespräche, Erlebnisse, Augenblicke oder einfach durch einen kleinen Gegenstand am Wegesrand.

 

Was oder wer gibt Ihnen im Alltag Kraft und Energie? Haben Sie Strategien, damit Sie zu genug Kraft und Energie kommen?

Der Austausch und echte Gespräche, das Beisammensein, die frische Luft und Natur. Um Energie zu tanken gehe ich raus, bewege mich, spaziere, treffe mich mit Leuten, trinke Kaffee.

Aufbau POTENTIALezentrale
auf´strich POTENTIALezentrale (2018)
Stube POTENTIALezentrale (2018)
auf´strich POTENTIALezentrale (2018)
auf´strich Tischgespräche POTENTIALe (2019)

Es gibt Momente, in denen alles zu passen scheint. Momente, die einen erfüllen, inspirieren und die einem Kraft und Zuversicht gehen. Momente, die einen darin bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche «magischen Momente» in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Ja, auf jeden Fall, immer dann, wenn man den richtigen Rahmen geschaffen hat, in dem verschiedene Leute zusammen kommen, eine gute Zeit miteinander haben und einfach «sind». Wenn dieser (architektonische) Rahmen es schafft (unaufgeregt) für Geselligkeit und Gemütlichkeit zu sorgen. Das erlebe ich beispielsweise in Schweden in der Töpferei mit Café. Wenn im wild bewachsenen Garten die Leute zwischen den handgemachten Blumentöpfen sitzen, vielleicht einer Jazzband lauschen, die grad spielt.  Manche etwas von dort konsumieren, andere einfach nur kommen und sitzen.

saxofone

Man sich im Geschehen als Beobachter aus der Menge nehmen kann und sieht, wie sich die Leute wohl fühlen und die Zeit vergessen, wenn Alter, Herkunft, Status, Geschlecht,… keine Rolle spielen.

Oder in der von aufstrich geplant und umgesetzten temporären Stube, die als Festivalzentrale der POTENTIALe 2018 im Reichenfeld stand. Leute kamen und gingen, manche wollten nur schauen und blieben für mehrere Stunden. Zu kaufen gab es nichts. Apfelschnitze, Tee, Musik, ein Tisch, Teppiche und Kissen dienten als Basis des Willkommen seins.

Stefani Andersen

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche «magischen» Momente einstellen können?

Ich denke, dass man nur zu einem gewissen Grad aktiv diese «magischen» Momente provozieren kann, sie einen aber, wie Glücksmomente, einfach überkommen und man diese Gefühle nicht wirklich steuern kann. Wenn ich spontan, offen und flexibel bin, gerne Energie für eine Sache aufbringe und es mir dabei nicht um mich sondern die Sache geht, dann sind die Grundvoraussetzungen gut, dass sich ein «magischer» Moment einstellt.

 

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Diese Momente gibt es ständig. Sie kommen und gehen und stellen sich meist im Prozess des Machens/ Gestaltens ein, wenn man nicht genau weiss, wohin die Reise geht und man gerade nicht an das positive Ungewisse glaubt. Ich glaube, es ist wichtig, diese Momente als Teil des Machens zu akzeptieren und vielleicht auch zu schätzen, weil häufig durch die Unsicherheit und auch den Zweifel neue, unvorhergesehene, schöne Dinge entstehen und auf den Zweifel oft magische Momente folgen.

 

Gibt es etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?

Ich bin sehr zufrieden und glücklich über meine Lebenssituation und wo mich mein Weg bisher hingebracht hat. Ich finde es gut, dass man ausserdem nicht weiss, wie das Leben durch eine andere Abzweigung verlaufen wäre und oftmals eher hinderlich, zu sehr im Konjunktiv, im «was wäre wenn…» zu denken. Daher bereue ich eigentlich nichts und bin sehr dankbar über den Weg, den ich bisher gehen durfte.

 

Möchten Sie mit ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Ich möchte auf jeden Fall mit meinen Tätigkeiten der Gesellschaft etwas beitragen, sehe das in meiner/unserer Verantwortung. Wir leben auf einem sehr privilegierten Teil der Erde, ich hatte eine sehr schöne Kindheit und bin mit viel Urvertrauen und behütet aufgewachsen. Die Energie, die aus diesem Vertrauen resultiert, möchte ich in die Gesellschaft weitertragen.

 

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Oberflächliche Anerkennung im Sinne von Prestige ist mir nicht wichtig. Anerkennung durch die Freude anderer, dass das Tun ankommt und von den Menschen positiv angenommen wird, ist mir schon wichtig. Dabei geht es mir um die Sache und nicht um mich/uns als Person(en), die hinter der Sache stehen.

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben? Hat diese finanzielle Situation einen Einfluss auf ihren Alltag bzw. Ihre Tätigkeiten?

Da ich noch studiere, weiss ich nicht, wie sich die finanzielle Situation nach dem Studium entwickeln wird. Bisher konnte ich meinen finanziellen Unterhalt immer durch eine Mischung aus «fixen Jobs» (Nachhilfe) und freiem Tun leisten.

Keramikworkshop an der Uni Liechtenstein (2019)

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Derzeit beschäftigt mich mein Thesisprojekt, die Werkstatt für Kinder, sehr. Mein Traum ist es, durch verschiedene Workshops, Gespräche mit unterschiedlichen Leuten und dem Zusammenarbeiten vieler, einen Treffpunkt auf der Waldbühne im Reichenfeld zu schaffen, der einladend ist, der seinen Ort rahmt und unterstreicht, was alles da ist. Basierend auf das Zitat Joseph Beuys «Jeder Mensch ist ein Künstler» soll dieser Ort zum freien Gestalten und handwerklichen Arbeiten mit unterschiedlichen Naturmaterialien einladen. Die Werkstatt soll anregen, sein (urbanes) Umfeld mit allen Sinnen und als aktiver Akteur und Mitgestalter wahrzunehmen. Das Alter spielt dabei keine Rolle, eine Werkstatt für Kinder, oder besser, eine Werkstatt der kindlichen Neugier.

 

Gibt es etwas, womit Sie sich in Zukunft gerne (verstärkt) beschäftigen würden?

Ich würde mich gerne mit Architektur beschäftigen, die Räume aufspannt und den Rahmen schafft, der Menschen zusammenbringt. Orte, an denen man sich wohl fühlt, die zum Verweilen, zum Austausch und Ideen spinnen anregen. Das können kleine, (temporäre) Interventionen sein, neu gebaute oder anders beleuchtete Strukturen. Rahmen, die magische Momente durch ihre belebte Bespielung provozieren.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Ich bin sehr für meine Familie und meine Freunde dankbar.

Links
Möllekrukmakeri

auf´strich

 

Credits Fotos
Portrait: Daniela Egger

Arbeiten in der Möllekrukmakeri: Lisa Sjowall
Verkauf in der Möllekrukmakeri: Johanna
Möllekrukmakeri & Café: Franziska Möhrle
Werkstatt für Kinder: Magdalena Tuertscher
POTENTIALe Zentrale: Daniela Egger
Tischgespräche POTENTIALe: Franziska Möhrle
Keramikworkshop an der Uni Liechtenstein: Franziska Möhrle

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dem Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Interview: Laura Hilti
Illustrationen: Stefani Andersen

 

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein.