«Wir haben ja das Problem, dass die Pöbler, die Hater, die Lauten von den Rändern her das Kommunikationsklima sehr stark bestimmen, obwohl sie eine kleine radikale Minderheit sind. […] Die gesellschaftlichen Mitte, die Gemässigten, die Liebhaber des Arguments, die Freunde der Nuance, müssen die kommunikative Arena, die öffentliche Arena zurückerobern. Die Lauten dürfen nicht bestimmen.»

«Ich glaube auch, dass die gesellschaftliche Mitte eigentlich die Konflikt- und Konfrontationsbereitschaft neu lernen muss. Denn wir haben ja eine mediale Situation, eine Kommunikationssituation der Vernetzung und was bedeutet Vernetzung im Ergebnis? Dass unheimlich viele unterschiedliche Welten, Perspektiven, grosse und kleine Ideologien, permanent aufeinanderprallen. Und was die gesellschaftlichen Mitte – zu der ich mich unbedingt zähle und damit ist es auch ein Stück Selbstkritik – was die lernen muss, ist die Zukunftstugend der respektvollen Konfrontation, sich nicht opportunistisch wegducken, nicht ausweichen, aber doch gleichzeitig im Moment der Konfrontation nicht auf die Abwertungsspirale einsteigen. Und darum geht es glaub ich. Das ist so eine Doppelbewegung, also Wertschätzung gegenüber dem anderen Menschen, aber womöglich harte Kritik seiner Position.»

«Wir haben, weil wir mit einem Übermass in Unterschiedlichkeit konfrontiert sind, womöglich die Fähigkeit verloren, diese Unterschiedlichkeit auszuhalten, sie zu geniessen. Wenn Sie attackiert oder diffamiert werden […], dann ist ja die massive Attacke ein Versuch, diesen Unterschied wieder auszulöschen: «Der soll weg.» «Das soll wieder eindeutig werden.» Das kanns aber nicht sein. Wir brauchen etwas, was Schulz von Thun, find ich, mit einem sehr schönen Begriff eine Harmonie höherer Ordnung nennt. Die Unterschiede nicht wegdrücken, sondern die Unterschiede anerkennen und gelten lassen. Und da beginnt der reife Diskus, die freundlichere, die empathiefähigere Auseinandersetzung, bei aller Unterschiedlichkeit. Dass man diese Unterschiede nicht wegdrücken will.»

«Das ist die Gefahr, vor der wir heute stehen, dass auch diejenigen, die eigentlich für eine Sprache der Mässigung und Abkühlung eintreten, dass die verführt werden, auch draufzuhauen. Deswegen ist es so wichtig, das Zögern zu lernen, die pauschale Abwertung des anderen – Ihrer Verschwörungstheoretiker da draussen: frustrierter Ostdeutscher, hysterische Feministin, naiver Gutmensch – all das sind ja lauter Etikettierungen, mit denen wir eines sofort erreichen können, die Ruinierung jeder Form von Gesprächsbereitschaft auf allen Seiten und am Ende des Tages brüllen dann alle aufeinander ein. Deswegen ist das Zögern, das Abwarten, das Kommenlassen, die Verweigerung in diesem Verallgemeinerungsspiel, deshalb ist all dies so wichtig.»

«Und Sie sehen daran – wir nennen das die Technik der abwertenden Generalisierung – diese ist eigentlich vom Teufel, sie ruiniert die Kommunikation ganz unmittelbar, in gewissem Sinne heisst das auf die abwertende Verallgemeinerung verzichten, wenn man einen Dialog zustande bringen will. […] Das heisst, dass man die Ruhebank der eigenen Gewissheiten verlässt, dass man es für möglich hält, dass der andere Recht haben könnte, dass er womöglich einen Punkt hat und dass man diesen Tanz des Denkens, und das ist ja ein Dialog, zu geniessen vermag, wo der eine mal einen Punkt macht, der andere, und womöglich aus dem Zusammenspiel aus dem Miteinander, und nicht aus der Überwältigung, aus dem Gewinn und aus dem Sieg über den anderen, aus dem Zusammenspiel etwas Neues Drittes entsteht das man alleine nicht haben könnte.»

«Das Zögern lernen, nicht zu schnell sein, zuhören und zwar auf eine Weise, die nicht fragt: Stimmt das, was der andere sagt, mit dem, was ich ohnehin glaube, überein? Sondern: In welcher Welt ist das, was der andere sagt, sinnvoll? Eine andere Art des Zuhörens. Sich zunächst fragen, was ist […] der zu respektierende Anteil einer Äusserung? Was könnte man Positives sagen über das Gegenüber? Die Person, der man mit Wertschätzung begegnen sollte, trennen von der Position, die womöglich Kritik verdient. Das wären so ein paar der Prinzipien.»

«Wenn wir nochmal auf Donald Trump kommen, die Totalvermischung von Faktum und Meinung. Er hat seine Karriere begonnen als ein Verschwörungstheoretiker, der die rassistische Verschwörungstheorie vertrat, Barack Obama sei womöglich gar kein legitimer US Präsident, da nicht in USA geboren. Und als er dann drauf angesprochen wurde, dass es aber eine Geburtsurkunde gibt und eine Geburtsanzeige und dass die Sache bewiesen ist, hat er gesagt: «Das ist eine Meinung und ich hab meine Meinung und damit es gibt zwei Meinungen und die sind wunderschön.» Und das zeigt genau, wie in einer Nussschale, diese Verwechslung von Faktum und Meinung. Über Fakten müssen wir versuchen – so schwierig das im Einzelfall sein mag – Einigung zu erzielen. In der Welt der Meinungen, der Interpretationen oder der Bedeutungszuweisung gibt es eine ungeheure Vielfalt.»

WSR 2 Wissen, 12. April 2020, Auszug aus dem Podcast: «Dialog statt Hetze – Eine neue gesellschaftliche Kommunikation», Ralf Caspary im Gespräch mit Bernhard Pörksen

 


Credits
Photo: Peter-Andreas Hassiepen/ re:publica

Beitrag erstellt von
Laura Hilti, Kunstverein Schichtwechsel