Adam Vogt besuchte den Vorkurs der an der Kunstschule Liechtenstein und studierte anschliessend Visuelle Kunst mit Schwerpunkt Comics an der EPAC in Saxon (Wallis). Bis letztes Jahr finanzierte er sich durch einen Nebenjob im Metallbau und versucht nun, zu 100% selbstständig als Illustrator zu arbeiten. Er mag es, die Natur und die Kultur verschiedener europäischen Regionen im Van oder zu Fuss erfahren. Adam Vogt wuchs in Széksard, Ungarn, sowie in Frankreich, Italien und Liechtenstein auf und lebt zurzeit in Triesenberg, Liechtenstein. Er ist 28 Jahre alt.

Wo und wie sind Sie aufgewachsen?

Hauptsächlich in Südfrankreich, später aber auch in Italien und ab ca. 2008 in Liechtenstein.

Meine Eltern hatten einen ziemlich alternativen Lebensstil. Ohne festem Wohnsitz verbrachten wir die trockene Jahreszeit hauptsächlich in der Natur, den Winter bei Freunden oder in Mietwohnungen. Ich und meine acht Geschwister wurden auch bis zu unserer Ankunft in Liechtenstein ausschliesslich zuhause unterrichtet. Da blieb viel Zeit übrig zum Lesen, Zeichnen, Baumhütten Bauen und Tagträumen, was mein Interesse an Kunst und besonders Illustration und Geschichten auf natürliche Weise geweckt hat.

«Linda vom schwarzen See», 2018 (Farbprobe für ein Kinderbuch)

Könnten Sie Ihren Werdegang schildern?

Im Vorkurs an der Kunstschule Liechtenstein konnte ich sehr viele verschiedene Medien, wie etwa Film, Installation oder Skulptur ausprobieren. Das war sehr nützlich, um festzustellen, dass Illustration und die sequenzielle Erzählungsform mich doch am meisten interessierten. Also habe ich ein Studium in diesen Bereichen gesucht und bin auf die EPAC in Saxon gestossen, die einzige Schule in der Schweiz, die damals eine Vertiefung in Comics anbot.

 

Gab es bestimmte Ereignisse oder Stationen, die für Ihren Werdegang prägend waren?

Im Vorkurs wurde ich aufgefordert, bei meinem Arbeitsprozess das Konzept stets vor die Umsetzung zu stellen, was gegen meinen natürlichen Arbeitsfluss geht und mich anfangs ziemlich blockiert hat. Im Nachhinein hat es mir aber geholfen, meine Arbeit besser zu reflektieren und genauer auf den Punkt zu bringen. Trotzdem habe ich dann wieder lernen müssen, meinem Unterbewusstsein zu vertrauen und in erster Linie den Spass am Zeichnen und Erzählen zu suchen. Zuerst instinktiv an eine Arbeit heranzugehen und erst später die nötigen konzeptuellen Konstruktionen beizufügen, die dem Werk eine bestimmte Tiefe verleihen, ist ungefähr mein aktueller Prozess.

 

Hat dich dein Umfeld in deinem Werdegang unterstützt?

Meine Eltern haben mich, wenn sie auch wenig von Kunst verstanden, als Kind immer zum Zeichnen und Malen motiviert und niemals irgendeinen negativen Druck im Sinn von «Lern doch einen echten Beruf» ausgeübt. Während meiner kurzen Zeit an der Oberschule wurde ich leider nicht gross unterstützt und habe selber herausfinden müssen, welche Berufsperspektiven das Zeichnen bieten kann. Ab dem Vorkurs hat mich die Kritik und Wertschätzung meiner MitstudentInnen begleitet und auch gewissermassen getragen. Seit einigen Jahren teile ich mein Leben mit der Triesenberger Illustratorin Eliane Schädler. Durch unseren ständigen Austausch wird die Entwicklung meiner Arbeit stets gefördert.

«Anima», 2020 (Posterdesign mit Frühlingsallegorie)

Welchen Tätigkeiten gehen Sie derzeit nach?

Ich versuche seit 2019 ohne Nebenjob, also zu 100% von meiner Arbeit als Illustrator zu leben. Das bedeutet, dass ich grössere Projekte wie etwa meinen eigenen Comic zu schreiben und illustrieren, zugunsten von kleineren und kurzfristigeren Auftragsarbeiten aufschiebe.

Im Moment bereite ich mich gerade auf einen dreimonatigen Aufenthalt im Künstleratelier vom Amt für Kultur Liechtenstein in Berlin vor. Dort werde ich zusammen mit Eliane Schädler an einem Illustrationsprojekt arbeiten, das im Rahmen der Triennale von Visarte Liechtenstein im August 2020 präsentiert wird.

«Der Beste Notfall der Welt» erschien 2020 beim Atlantis Verlag

Erfüllt Sie das, was Sie derzeit machen?

Je nach Projekt oder Auftrag mal mehr, mal weniger. Ein gutes Gefühl habe ich bei der Arbeit, wenn zum Beispiel ein Auftrag etwas von mir fordert, das ich gerne von mir gebe, also wenn ich mit meinen Kunden oder Partnern die gleiche Vision teile. Das sind dann auch die Projekte, bei welchen alle Beteiligten am Schluss zufrieden sind. Leider läuft das nicht immer genau so: Man muss auch Kompromisse eingehen, Missverständnisse klären und sich fremde Konzepte und Ideen irgendwie geradebiegen. Das ist eine Gymnastik, die viel Energie und Geduld fordert, wenn sie aber gelingt sehr befriedigend ist. Man lernt auf künstlerischer, geschäftlicher und menschlicher Ebene ständig etwas dazu.

 

Denken Sie, dass Sie einen Einfluss darauf haben, ob Ihre Tätigkeiten erfüllend sind?

Grösstenteils schon, die meisten Probleme entstehen aus schlechter Kommunikation, Missverständnissen oder einer falschen Herangehensweise. Der beste Indikator für die Qualität einer Arbeit ist für mich immer der Spass, den ich dabei habe. Verkrampfte Sachen bringen selten etwas Gutes.

«La jolie Frousse», 2018 (Auszug aus einem kurzen Comic)

Was oder wer inspiriert Sie im Alltag?

Ich bin ein Fan, ich habe die Begeisterung für gute Comics, Musik und Filme nie verloren. Jedes Mal, wenn ich ein gelungenes Werk geniesse, denke ich mir: Krass, dass das möglich ist! Ich will es auch auf so ein Niveau schaffen!

 

Was oder wer gibt Ihnen im Alltag Kraft und Energie?

Genug Schlaf, ein stressfreier Start in den Tag und die Aussicht auf ein abgeschlossenes und gelungenes Projekt.

«Das Stromhaus», 2018

Es gibt «magische Momente», in denen alles zu passen scheint. Momente, die erfüllen, inspirieren und Kraft geben. Momente, die bestätigen, dass sich der Einsatz lohnt und dass das, was man macht, sinnhaft und wertvoll ist. Haben Sie solche Momente in Bezug auf Ihre eigenen Tätigkeiten schon erlebt?

Ich sehe Kunst gerne als eine Perspektive auf die Realität. Wir schaffen Bilder, Texte, Klänge, die einen bestimmten Aspekt der Realität hervorheben, verdeutlichen und transportieren.

Wenn ich ein visuelles Kunstwerk betrachte oder lese, leihe ich mir in bestimmtem Masse die Augen der KünstlerIn aus. Das ist irgendwie schon magisch und kann meine eigene Vision auch langfristig bereichern. Wenn ich selber etwas erschaffe, und dann merke, dass es andere Menschen aufnehmen und es sie gleicher Massen bewegt wie mich, ist das so ziemlich der Höhepunkt meiner Aktivität. Dann merke ich, dass ich nicht nur «Konsument» bin, sondern auch etwas zurückgeben kann und ich mich an diesem Dialog der Kunst beteiligen kann.

 

Tun Sie aktiv etwas dafür, damit sich solche magischen Momente einstellen können?

Ich versuche bei jedem Projekt das Beste zu geben, Technik und Idee so sinnvoll wie möglich zu kombinieren, damit es so ankommt, wie ich es wünsche. Menschen haben aber eine sehr unterschiedliche Sensibilität, was es unmöglich macht, jede und jeden immer anzusprechen. Ich bin mir also bewusst, dass ich nicht die volle Kontrolle über solche Momente habe.

«Liechtenstein-Karte» für den Verein ELF, 2019

Gibt es Momente, in denen Sie an dem, was Sie machen, zweifeln?

Zweifel habe ich fast ständig, das gehört zu meiner Arbeit völlig dazu. Wenn ich länger keine Rückmeldungen zu meiner Arbeit einholen kann, weil ich zum Beispiel an einem Buch arbeite oder gerade keine Aufträge habe, steigen die Zweifel erst recht. In diesen Momenten versuche ich durchzubeissen und mich nicht in zu vielen Gedanken zu verlieren. Am besten fällt man aber gar nicht in so ein Loch, indem man verschiedene Projekte staffelt, damit immer wieder etwas fertig werden kann. Das geht zum Beispiel, indem man auch mal kleinere Nebenprojekte anreisst: Letztes Jahr war das ein Kalender, dieses Jahr eine Reihe an T-Shirts… Wichtig ist jedoch, dass man die eigene Zeit und Energie im Überblick behält, damit man kein Durcheinander der Prioritäten hat… was leichter gesagt als getan ist.

 

Können Sie schwierigen Momenten rückblickend etwas Positives abgewinnen?

Man ist ja immer schlauer im Nachhinein. Ob es aber tatsächlich so eine lehrreiche Erfahrung war oder man es sich nur einredet, um sich besser zu fühlen, ist nicht immer klar. Was jedoch egal ist, weil man sowieso nicht zurück kann. Also beschäftigt mich das auch recht wenig.

«jumelles», 2017 (zwei Figuren aus einem künftigen Comicprojekt)

Möchten Sie mit Ihren Tätigkeiten etwas zur Gesellschaft beitragen?

Wenn ich dazu beitragen kann, den Horizont anderer Menschen in bestimmten Bereichen, die mir wichtig sind, auf die gleiche Weise zu erweitern, wie es mir selber geschieht, wenn ich Kunst aufnehme, bin ich mehr als glücklich. Wenn sie sich dabei auch unterhalten fühlen und Spass haben, ist das noch besser.

 

Ist Ihnen die Anerkennung von anderen Personen bzw. von der Öffentlichkeit wichtig?

Ja, klar. Ich mache meine Kunst nicht nur für mich. Wenn sie niemanden interessiert, hat das keinen Zweck. Allerdings kann ich gut damit umgehen, dass sie einige Leute gleichgültig lässt und ich bin mir bewusst, dass ich Nischenkunst produziere, die auf manche Leute zu kryptisch, zu düster oder zu altmodisch wirkt.

 

Wie gut können Sie von dem, was Sie beruflich tun, leben?

2019 war mein erstes Jahr als selbstständiger Illustrator und ehrlich gesagt habe ich bei Weitem zu wenig Geld eingebracht, als dass es so weiter gehen könnte. Wenn es in den nächsten Monaten nicht bessert, werde ich wieder einen Nebenjob brauchen. Das beeinflusst natürlich auch meine Arbeit. Ich kann mir im Moment schwierig mehrere Wochen Zeit nehmen, um mein Kinderbuch fertig zu zeichnen oder meinen Comic richtig aufzugleisen. Die Priorität liegt deshalb bei kleineren Aufträgen und Projekten, die schneller fertig werden und sich auch kurzfristig lohnen.

 

Gibt es etwas, das Sie derzeit besonders beschäftigt?

Eigentlich einfach selbstständig bleiben zu können und dann auch eine gute Balance zu finden zwischen Auftragsarbeit und eigenen Projekten.

 

Gibt es etwas, womit Sie sich in Zukunft gerne (verstärkt) beschäftigen würden?

Der Umgang von Menschen mit der Realität, ihre verschiedenen Fluchtmittel vor ihr, besonders wenn es in Richtung Neopaganismus oder Survivalism geht, interessiert mich sehr stark. Davon wird sicher Einiges seinen Weg in meine zukünftigen Arbeiten finden.

 

Wofür sind Sie im Leben besonders dankbar?

Für die Möglichkeit, mein Leben so gestalten zu können, wie es mich am meisten erfüllt, und mich nicht rein ums Überleben kümmern zu müssen.

Und natürlich für eure wertvolle Arbeit beim Schichtwechsel. Danke! 🙂

Interview
Laura Hilti, Januar 2021


Links

www.adam-vogt.com


Credits

Alle Fotos/ Bilder: Adam Vogt

Dieses Interview ist Teil des Projekts «Magic Moments» des Kunstvereins Schichtwechsel, in dessen Rahmen Menschen zu ihrem Werdegang, ihren Tätigkeiten sowie magischen und schwierigen Momenten befragt werden.

Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung Liechtenstein und die Stiftung Fürstl. Kommerzienrat Guido Feger.

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